Frank Beier über seinen Einsatz im Ndolage-Hospital
von Birgit Pfeiffer
Die chirurgische Ausbildung von Ärzten auf Facharztniveau und die Einrichtung eines Fonds für mittellose Patienten – das sind die beiden Schwerpunkte, die Dr. Frank Beier bei seiner Arbeit am Ndolage-Krankenhaus besonders am Herzen liegen. Seit 2002 arbeitet er als Chirurg in der Klinik der Nordwest-Diözese der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania (ELCT-NWD) und möchte soviel wie möglich von seinen Kenntnissen an seine tansanischen Kollegen weitergeben.
Als er 2002 in Ndolage ankam, gab es weder ein Ausbildungsprogramm, noch auszubildende Ärzte, an die er sein Fachwissen hätte vermitteln können, sagte er bei seinem Besuch im Missionshaus der VEM. Daher hat er den Schwerpunkt langfristig darauf gesetzt, medizinisches Fachpersonal auszubilden. Inzwischen trägt seine Arbeit Früchte: »Jetzt ist das Hospital soweit, dass die Ärzte selbstständig Schilddrüsen- und Prostata-Operationen durchführen können und auch die lebensgefährlichen Nachblutungen beherrschen. Denn die sind noch schwieriger als der operative Eingriff selbst,« so der Mediziner.
Auch strukturell habe sich vieles verbessert, etwa in der Verwaltung und der Leitung des Krankenhauses. Früher habe die Diözese versucht, die Krankenhausleitung mit guten Medizinern von der Universität zu besetzen, die gerade ihr Studium abgeschlossen hatten und kaum über Erfahrungen verfügten, was sich jedoch nicht bewährt habe. Nun ist die Diözese dazu übergegangen, trotz Personalmangels die Krankenhausleitung mit erfahrenen Leuten aus der eigenen Verwaltung in Bukoba zu besetzen – mit Erfolg. Der Chefarzt ist zugleich Gesundheitssekretär der Diözese. Die Arbeit läuft sehr gut, aber da zwei Vollzeitjobs dennoch zuviel sind, überlegt man, wie man die Arbeit besser aufteilen kann oder noch einen Arzt dazuholt. Die Motivation und das Engagement des Teams seien viel besser als noch vor wenigen Jahren. »Es sind kompetente Männer und Frauen da, die offen für Neues sind«, freut sich Dr. Beier.
Arzt werden in Tansania kann man entweder durch ein sechsjähriges akademisches Studium oder man fängt als Assistant Medical Officer an und erwirbt sich durch Weiterbildung und praktische Erfahrung Zusatzqualifikationen. Jene Ärzte werden nur in Tansania anerkannt; die meisten von ihnen sind schon älter, haben sich mit ihrer Familie in Ndolage niedergelassen. »Das sind Leute, die einem auch nicht davonlaufen. Und gerade solche Ärzte habe ich gezielt ausgebildet, weil sie keinen Zugang zu einer Facharzt-Ausbildung im Land haben. Die haben keinen Titel und können nur gute Arbeit machen – aber mehr will man ja nicht.«
Derzeit kämpfen die kirchlichen Krankenhäuser mit einem anderen Problem: Durch die Lohnerhöhung für medizinisches Personal an staatlichen Krankenhäusern kommt es zu einer Abwanderung qualifizierter Ärzte und Pflegekräfte von kirchlichen an staatliche Einrichtungen, denn die Geldmittel der Kirchen sind begrenzt.
»Das ist ein ganz großes Problem,« sagt Frank Beier. »Ich habe sehr viel investiert in die Intensivstation, weil es im ganzen Land eigentlich keine vernünftigen Intensivstationen gibt. Daher haben wir Fachpersonal ausgebildet – und das war Knochenarbeit. Denn meistens bildet man dann aus, wenn es nötig ist – und das ist auch nachts. Nach der Ausbildung sind dann viele weggegangen von den Pflegekräften, was auch verständlich ist: Denn sie wollen vielleicht auch mal eine Familie ernähren oder ein Haus bauen.«
Daher hat sich die Kirchenleitung dazu entschlossen, die Gehälter der Angestellten des Ndolage-Krankenhauses an das staatliche Level anzugleichen. Die Gehälter von etwa der Hälfte der Pflegekräfte werden ohnehin vom Staat bezahlt, und das Krankenhaus entscheidet, welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das sind.
»Wir können nicht sagen: Schwester A bekommt das doppelte Gehalt als Schwester B, nur weil sie vom Staat bezahlt wird. Man darf die Beträge auch nicht umschichten, verteilen oder ein Einheitsgehalt machen – da stellt sich der Staat quer. Das Problem ist nur: Wer soll das alles bezahlen?«
Das Krankenhaus hängt zum gewissen Teil von den Patientengebühren ab. Um die Finanzlage etwas zu verbessern, hat die Krankenhausleitung zwischenzeitlich die Medikamentenpreise erhöht. Aber sofort blieben die Leute fern, so dass man nach anderen Wegen sinnen muss, um den Haushalt zu entlasten.
Es ist so schon problematisch genug, kranke Menschen zu ermutigen, das Krankenhaus aufzusuchen. Viele fürchten die Behandlungskosten und machen sich erst gar nicht auf den Weg. Gerade in ländlichen Gegenden kommt hinzu, dass der Transport organisiert werden muss. »Manche Leute gehen einfach nicht zum Arzt. Sie kommen erst in der höchsten Not oder sterben«, weiß Pfarrerin Silke Beier.
Um arme kranke Menschen zu ermutigen, sich behandeln zu lassen, ist die Kirche dabei, eine Art Patienten-Fonds einzurichten, den Dr. Beier mit initiiert hat, wobei Art und Anwendung des Fonds knifflige Fragen sind: Wer genau wird unterstützt? In welchem Umfang? Wie läuft die Unterstützung? »Wenn Leute die Behandlung nicht bezahlen können, sollen die Behandlungskosten aus dem Fonds bezahlt werden. Ich bin aber auf jeden Fall dafür, den Leuten trotzdem eine ordentlich ausgewiesene Rechnung zu stellen. Das ist besser, als etwas in einen großen Topf hineinzuwerfen und den Preis für Behandlungen insgesamt niedrig zu halten. Denn dann geht schnell Geld verloren – dann achtet man nicht so auf die Ausgaben, weil man sagt: Es ist ja alles da. Daher sollte man lieber alles anrechnen, aber Grenzen für die Eigenbeteiligung festsetzten.«
Der Fonds soll besonders in solchen Fällen greifen, die durch andere Projekte und Unterstützung nicht abgedeckt werden, wie etwa durch den Fonds zur Bekämpfung von Aids oder durch Kinder- und Schwangerenprojekte.
Bisher war es so, dass man den Leuten half, wo es nötig war und die Kosten »irgendwo aus dem Etat« des Krankenhauses nahm, »und der ist irgendwann aufgebraucht und das Krankenhaus ruiniert«, so Beier. »Gerade in der Geburtshilfe hat man schon bildlich gesprochen das halbe Krankenhaus verkauft, damit die Patientinnen weiter zu einem geringen Beitrag behandelt werden konnten. Aber das ging alles nicht so weiter.« Deshalb schaute man sich nach neuen Finanzierungsmodellen um und kam mit der VEM überein: Frank Beier informiert durch Rundbriefe über die Arbeit und den Bedarf des Krankenhauses und baut so einen eigenen kleinen Spenderkreis für Ndolage auf, der von der VEM verwaltet wird.
Dieses Modell hat sich sehr gut angelassen: Patienten wurden schon durch diesen Fonds behandelt und vollständig kuriert – zum Teil auch recht spektakuläre Fälle. Vor einiger Zeit war Frank Beier zu Fuß über Land unterwegs und sah einen Mann am Wegesrand sitzen, der ein riesiges Geschwulst am Hinterkopf hatte – seit den 1970er Jahren, wie der Mann sagte. Ihm fehlte das Geld zu einer Behandlung. Beier lud ihn zu sich in die Klinik ein. Hocherfreut über das Angebot stellte sich der Patient in Ndolage ein und wurde durch einen medizinisch relativ einfachen Eingriff vollständig kuriert. Menschen mit ähnlichen Problemen gibt es an vielen Orten, sagt Frank Beier. Die Operation schlug mit etwa 50 Euro zu Buche und wurde durch den Fonds finanziert. Der Mann konnte geheilt in sein Dorf zurückkehren »und jeder wusste, er war in Ndolage«, sagt Dr. Beier stolz.
Denn eine solche Aktion ist nicht zuletzt Werbung für das kirchliche Krankenhaus. Vor allem aber entspricht diese Herangehensweise dem kirchlichen Auftrag, dem sich Frank Beier verpflichtet weiß. Der bestehe eben nicht in der Behandlung von Reichen, die sich eine kostspielige medizinische Betreuung leisten können, sondern gerade in der Behandlung von benachteiligten Menschen. Die Tendenz zur Bevorzugung von wohlhabenden Patienten habe er zum Teil auch in Ndolage beobachtet. »Die Menschlichkeit war nicht institutionalisiert, sondern hing von Einzelnen ab. Das wollen wir jetzt ändern.«
In der Praxis ist es aber oft schwierig zu beurteilen, wer bedürftig ist und wer nicht so sehr. »Wie ist es zum Beispiel mit einem Patienten, der sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet hat aber durch die Behandlungskosten in Armut gestürzt würde? Das ist eine schwierige Ermessensfrage. Da braucht man klare Kriterien. Wenn hier in Deutschland jemand eine aufwendige Krebsbehandlung bekommt, ist auch das Gehalt weg – unter Umständen sogar um ein vielfaches. So etwas rüberzubringen ist ein totaler Kulturkonflikt. Da sind wir als Mitarbeiter wichtig.«
Ebenso wichtig wie die fachliche Arbeit als Mediziner sind daher andere Seiten des Projektmanagements wie Bewusstseinsbildung oder »im Kontaktbereich« wie Frank Beier sagt. Er sieht seine Aufgabe darin, Kontaktperson zu medizinischem Nachwuchs zu sein und das Krankenhaus bekannter zu machen. Dazu gehört auch, dass die Studenten, die zur Famulatur oder Ausbildung kommen, »vernünftig begleitet werden«. Eine Famulatur ist ein Praktikum im Krankenhaus während des Medizinstudiums. In dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen vier Jahren sehr viel getan. »Wir jetzt haben jetzt extrem viel Studenten. Ich muss immer wieder welche ablehnen«, denn Frank Beier hat die Anzahl europäischer Studenten auf acht begrenzt: maximal vier für das Krankenpflegepraktikum und vier für die Famulatur – »und das ist schon eine Menge«. Frank Beier hofft, dass einige von ihnen nach zehn Jahren wieder interessiert sind, nach Ndolage zu kommen – wie er selbst. Frank Beier selbst war 1983 zur Famulatur in Ndolage und empfiehlt diese Erfahrung weiter.
Wenn die Verträge von Frank und Silke Beier im Sommer 2007 auslaufen, will Frank Beier sich weiter um den Fortgang des Fonds kümmern, damit auch in Zukunft Menschen ohne die nötigen finanziellen Mittel im Ndolage-Krankenhaus behandelt werden können. »Denn ich denke: Geld ist eigentlich genug in Deutschland da. Die Wirtschaft wächst; das Problem ist nur, heran zu kommen. Da muss man sehr stark Bewusstseinsarbeit machen. Denn eine gute Statistik ist nicht alles - die Menschlichkeit und die Geschichten der Menschen sind das eigentlich wichtige.«
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