Reisetagebuch von Claudia Währisch-Oblau (9)
6.3.08: Der gestrige Frühlingstag war nur ein Vorgeschmack; heute ist es grau, diesig, und wieder ziemlich kalt.
Wir haben ein volles Programm. Chu Chaoyu holt uns ab: Er ist der Direktor des „Amity Home of Blessings“, einer Einrichtung für junge geistig behinderte Menschen. Dies ist eines der vielen Sozialprojekte der Amity Foundation, der Entwicklungshilfeorganisation des Chinesischen Christenrats.
In einem kleinen Zentrum werden jeweils 24 Behinderte eine Zeit lang ausgebildet. Ziel ist, dass sie mit familiärer Unterstützung möglichst selbstständig leben und auch ein Einkommen erwirtschaften können. Sieben vollzeitliche Mitarbeitende gibt es hier, wir sehen aber wesentlich mehr junge Menschen an der Arbeit. „Das sind alles Freiwillige“, erzählt Chu. Studierende verschiedener Universitäten machen hier Praktika, viele von ihnen kommen anschließend weiter, um zu helfen. Rund 900 solcher Freiwilligen haben sie in ihren Listen, etwa 100 von ihnen kommen regelmäßig einmal in der Woche für ein paar Stunden ins Zentrum. So ist fast überall eine Eins-zu-Eins-Betreuung möglich: In der Kochgruppe, die für das gesamte Zentrum einkauft und kocht (und in der die Behinderten lernen, sich selbst mit Essen zu versorgen), in der Sprachförderung, bei der Herstellung von Kunsthandwerk, und sogar in der Tanzstunde, die ebenfalls zum Programm gehört.
„Wir sind so froh, dass wir so viele Freiwillige haben“, sagt Chu. „Die meisten Chinesen kennen keine geistig Behinderten und haben Angst vor ihnen. Hier lernen sie, dass man mit diesen Menschen gut zusammen leben kann.“
Ein paar Straßen weiter betreibt das Zentrum eine kleine Bäckerei. Auch hier helfen Freiwillige, so dass es eine intensive Betreuung geben kann. Die Behinderten werden nicht nur beim Backen eingesetzt, sondern gemeinsam mit ihren Betreuern auch beim Verkauf. Brot und Kuchen dieser Bäckerei werden an große Kaufhäuser verkauft, die sie weiter vertreiben.
Chu berichtet, dass es erst wenige solcher Projekte in Nanjing gibt. „Darum bekommen wir besonders viel Unterstützung“, erzählt er. „Die Regierung hat uns die Gebäude zur Verfügung gestellt. Und regelmäßig berichtet das Fernsehen über uns.“
Wir hätten noch viele Fragen, aber wir müssen weiter. In einem anderen Stadtviertel baut die Amity Foundation gerade ein Zentrum für autistische Kinder. Das freundlich eingerichtete Haus soll in Kürze eröffnet werden und 20 Plätze für Kinder unter sieben Jahren anbieten. Solche Zentren gibt es bisher nur in Beijing und in Guangzhou, ganz im Norden und ganz im Süden dieses riesigen Landes. Aber nicht nur die Kinder sollen hier Hilfen erhalten. Chu möchte parallel auch eine Selbsthilfeorganisation für Eltern autistischer Kinder aufbauen. Für sie gibt es in China bisher noch gar keine Unterstützung.
Theologisches Seminar
Auch hier haben wir nur wenig Zeit. Dann geht es weiter zum Theologischen Seminar. Der Campus liegt mitten im Stadtzentrum, eng bebaut und wie in einem tiefen Tal zwischen den umgebenden Hochhäusern. Hier studieren zur Zeit 170 Vollzeitstudenten aus ganz China. Etwa 60% von ihnen sind Frauen. Das wundert nicht, wenn man bedenkt, dass die meisten chinesischen Kirchengemeinden einen Frauenanteil von 70-90% haben. Außerdem werden am Seminar theologische Kurzkurse angeboten, in denen Pastoren und Evangelisten sich weiter bilden können.
Präsident des Seminars ist der inzwischen 93-jährige Bischof K.H.Ting. Die eigentliche Leitungsarbeit wird jedoch von der quirligen Mittfünfzigerin Gao Ying geleistet, die offiziell nur Vizepräsidentin ist. Sie erzählt uns von ihren Plänen, das noch recht niedrige akademische Niveau des Seminars in den nächsten Jahren deutlich zu erhöhen. Dafür müssen zunächst einmal die theologischen Lehrkräfte qualifiziert werden. Sie sollen nach und nach ins Ausland geschickt werden, um einen Magister- oder Doktorgrad zu erwerben. In China ist das bisher noch nicht möglich. Außerdem sollen verstärkt qualifizierte Theologen aus dem Ausland angeworben werden. Das Seminar in Nanjing ist zur Zeit das einzige theologische Seminar in China, das ausländische Lehrkräfte beschäftigen darf. Neben einigen Amerikanern unterrichtet hier auch ein deutscher Theologe.
Dass das Seminar auf Wachstumskurs ist, sehen wir auch am Nachmittag. Wir fahren rund eine Stunde hinaus in einen Vorort, wo der neue Campus des Seminars entsteht. Verwaltungs- und Unterrichtsgebäude sind so gut wie fertig, ebenso die Wohnheime für bis zu 500 Studierende, ein Gästehaus und die Bibliothek. Auf dem Campus gibt es auch Sportplätze, eine große Sporthalle, und Musikübungsräume. Grundstücks- und Baukosten hätte der Christenrat nicht aufbringen können; sie wurden von der chinesischen Regierung bezahlt. Nur die „Kapelle“ muss kirchlich finanziert werden – wir stehend staunend vor dem gigantischen Rohbau mit seinem 54 Meter hohen Turm, den wir wohl eher als Kathedrale bezeichnen würden. Ein selbstbewusstes Zeichen christlicher Präsenz in einem neuen Stadtteil, in dem schon bald Hunderttausende von Menschen leben sollen. Das Gebäude liegt absichtlich nicht auf, sondern neben dem Campus, und soll auch als Stadtteilkirche dienen.
Amity-Bibeldruckerei
Auf dem Weg zum neuen Seminarcampus haben wir noch einen kleinen Abstecher gemacht. Denn in Jiangning, dem neuen Stadtteil, entsteht auch die neue Amity-Bibeldruckerei. Da die Kapazitäten der alten Druckerei nicht mehr reichten, hat die Amity Printing Company, ein Joint Venture von Amity Foundation und der Weltbibelgesellschaft, hier günstig acht Hektar Land gekauft. Das riesige Fabrikgebäude ist fertig und wird gerade bezogen. In einer Halle läuft bereits die Produktion auf einer gigantischen Druckmaschine, die neu angeschafft wurde. Zwei weitere dieser Maschinen werden in den nächsten Wochen aus der alten Druckerei hierhin umziehen. Wenn alles fertig ist, wird die neue Druckerei eine Kapazität von 1,2 Millionen Bibeln pro Monat haben. Etwa 70 Prozent davon sind für den Export bestimmt – wir beobachten die Arbeiten an einer Bibelausgabe in modernem Englisch. Aber mindestens 300.000 chinesische Bibeln werden hier ebenfalls jeden Monat entstehen. Schon längst hat die Auflage der chinesischen Bibel die der kulturrevolutionären „Mao-Bibel“, des kleinen roten Buchs mit den Aussprüchen des „Großen Vorsitzenden“ weit überschritten.
Claudia Währisch-Oblau, Referentin für Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), ist seit Ende Februar in China unterwegs, um Gemeinden und Partner der VEM zu besuchen. Von 1985-1997 war sie selbst Mitarbeiterin des nichtstaatlichen Hilfswerks Amity Foundation in Nanjing und Hongkong. Hier sind Auszüge aus ihrem Reisetagebuch.
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