Reisetagebuch von Claudia Währisch-Oblau (12)
11.3.08 | Ich sitze im Bus zum Shanghaier Flughafen. Morgen früh fliege ich nach Deutschland zurück – Zeit, Bilanz zu ziehen. Aber statt zu schreiben, schaue ich dann doch lieber nach draußen. Und sehe Bauern, die wie seit Jahrhunderten ihre kleinen Gemüsefelder mit der Hacke bestellen – gleich unter riesigen Werbetafeln für neue Wohnanlagen oder Autos. Der Fortschritt ist jedoch an diesen Bauern nicht vorbeigegangen: Mit Bambusstangen und Folien machen sie aus ihren Feldern Gewächshäuser, in denen das ganze Jahr Tomaten und Erdbeeren gedeihen. Damit lässt sich in den Städten gutes Geld verdienen. (Viele dieser Bauern sind gar nicht ursprünglich von hier. Die meisten Bauern aus dieser Gegend arbeiten längst in der Stadt. Ihre Felder haben sie an Bauern aus ärmeren Gegenden verpachtet, die hierher kommen, weil das Leben hier besser ist.)
China ist ein Land, das zwar noch von einer kommunistischen Partei regiert wird, in dem aber ein nur schwach regulierter Manchester-Kapitalismus herrscht. China ist ein Land, das von westlichen Menschenrechtsorganisationen als unterdrückerisch und autoritär beschrieben wird. Aber ich habe gesehen, dass die Menschen im Alltag viele Freiheiten haben, von denen sie vor 20 Jahren nur träumen konnten. Aber auch: Als ich gestern Abend im Hotel noch kurz die Nachrichten auf CNN sehen wollte, wurde der Bildschirm plötzlich schwarz – gleich nachdem ein Bild des Dalai Lama eingeblendet und ein Bericht über „tibetische Proteste“ anmoderiert worden war. Und meine in China studierende Tochter berichtet genervt davon, wie viele Webseiten durch die chinesischen Behörden blockiert werden. Gleichzeitig höre ich von einem Hausgemeindeleiter, dass die Freiräume immer größer werden.
China hat sich in vielem verändert, in einem jedoch nicht: Es ist immer noch ein Land voller Widersprüche. Als ich 1985 nach Nanjing zog, erklärte uns ein China-Kenner: „Alles, was über China berichtet wird, ist wahr – mindestens an einem Ort. Aber das Gegenteil ist auch immer richtig – an einem anderen Ort.“
Claudia Währisch-Oblau, Referentin für Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), ist seit Ende Februar in China unterwegs, um Gemeinden und Partner der VEM zu besuchen. Von 1985-1997 war sie selbst Mitarbeiterin des nichtstaatlichen Hilfswerks Amity Foundation in Nanjing und Hongkong. Hier sind Auszüge aus ihrem Reisetagebuch.
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