Ein Buch widmet sich dem Wirken von Missionsfrauen in Namibia
(12.06.08) »Schwestern aus zwei Welten«. Das ist der Titel einer historischen Dokumentation, die am Mittwoch auf Borkum vorgestellt wurde anlässlich der Frauenvorkonsultation der Vollversammlung der Vereinten Evangelischen Mission (VEM).
Das 157-seitige Buch, das in der Reihe »Mission und Gegenwart« erschienen ist, beleuchtet das Wirken der zahlreichen Ehefrauen von Missionaren, der Missionsschwestern und später auch der Missionarinnen der Rheinischen Missionsgesellschaft in Namibia im 19. und 20. Jahrhundert.
Wie ihre männlichen Kollegen haben diese Frauen die Missionsarbeit im damaligen Südwestafrika mitgetragen und maßgeblich geprägt: Sie haben Pionierarbeit in der Bildungsarbeit geleistet, haben (vor allem) Frauen und Kindern lesen und schreiben beigebracht, Wunden verarztet und den Menschen vor Ort die Bibel näher gebracht.
Doch ihr Vermächtnis ist weniger offensichtlich als das der Männer der Mission. »Die Geschichte der Mission wurde von Männern geschrieben«, sagt Julia Besten, Geschäftsführerin der der Archiv- und Museumsstiftung und Mit-Herausgeberin des Sammelbands, der an Quellen der Stiftung erarbeitet wurde. Frauen seien im 19. Jahrhunderts auf die Rolle der »Gehilfin« des Mannes festgelegt worden. Erst die Gender Studies aus den USA - die junge wissenschaftliche Disziplin der Untersuchung von Rollenverhältnissen zwischen Männern und Frauen - hätten einen Perspektiv-Wechsel in der Geschichtsschreibung ermöglicht, so Besten.
Die Arbeitsgruppe »Frauen in der Mission« der VEM - der Nachfolgeorganisation der Rheinischen Missionsgesellschaft - hat es sich zur Aufgabe gemacht, das verschüttete Erbe ihrer Vorgängerinnen systematisch aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dazu haben sie handschriftliche Quellen studiert und mit Namibierinnen der heutigen Zeit gesprochen.
Es ist ein Verdienst dieses Buches, auch kritische Punkte der Geschichte der Rheinischen Mission zu bearbeiten. Die junge Ida Kreft etwa war mit einem jungen Missionar verlobt, aber die Missionsleitung verbot dem jungen Paar die Hochzeit, mit der Begründung, Ida Kreft sei »zu schwach« für eine zukünftige Missionarsfrau. Dennoch leistete sie Pionierarbeit; sie und Anna Fenchel kümmerten sich um die namibischen Opfer und Hinterbliebenen des Deutsch-Namibischen Kriegs nach 1904. Ida Kreft heiratete jedoch nie. Die für das Missionsfeld vermeintlich zu Schmächtige wurde 89 Jahre alt.
Bei der Aufarbeitung soll aber nicht nur das Wirken der deutschen Missionsfrauen im Mittelpunkt stehen, sondern auch das der namibischen Frauen gewürdigt werden, ohne die die deutschen Frauen die »Menschen an der Basis« nicht hätten erreichen können, weiß Sonia Parera-Hummel, Asienreferentin der VEM aus Indonesien, deren Beitrag im Sammelband Ida Kreft und Anna Fenchel gewidmet ist, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Keetmanshoop tätig waren.
Irene Nöh ist ein weiterer Name, der dem Leser und der Leserin während der Lektüre vertraut wird. Die deutsche Missionsschwester kam in den 1965 – während der Apartheid nach Südwest-Afrika. Gemeinsam mit schwarzen Schwestern ging sie in Restaurants, fuhr mit ihnen im gleichen Zugabteil und lebte mit ihnen unter einem Dach, was zur damaligen Zeit mehr als verpönt - wenn nicht sogar gefährlich war. Sie war »eine jener seltenen mutigen Menschen, die - wahrscheinlich zitternd - als Brücke zwischen Schwarzen und Weißen im rassistischen Südwest-Afrika fungierte«, schreibt Bischof Zephania Kameeta in seinem Kommentar zum Beitrag des Buches, den Irene Nöh selbst im Rückblick auf diese Zeit verfasst hat. »Leise, ohne große Debatten herbeiführen zu wollen, ›brach‹ sie das Gesetz, das in seinem Wesen eine Sünde und falsch war, wenn man das richtige tun wollte«, so Kameeta weiter, der als aktiver Unterstützer der SWAPO selbst inhaftiert wurde. »Sie hielt keine großen Reden, sondern lebte einfach gemeinsam mit ihren namibischen Schwestern - nicht als Weiße unter Schwarzen, sondern als Mensch unter Menschen.«
Mission und Gegenwart: Sisters from Two Worlds
edited by Julia Besten, Gesine v. Kloeden-Freudenberg, Sonia Parera-Hummel und Angelika SöhneRüdiger Köppe Verlag, Köln 2008
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