Einschätzung zur Situation der DR Kongo (20.11.2008)
(26.11.2008) Nach 15 Jahren Krieg hatten die ersten freien Wahlen vor zwei Jahren die 60 Millionen Menschen im Kongo auf Frieden hoffen lassen. Doch die Ostregion des Kongo wurde seitdem durch das Wiederaufflammen der schweren Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungstruppen immer wieder erschüttert.
Mindestens eine Million Menschen mussten in den jahrelangen Kriegswirren im Osten Kongos fliehen. Und täglich steigt die Zahl der Flüchtlinge. Im Ostkongo droht jetzt eine politische und humanitäre Katastrophe.
Dr. Kakule Molo ist der Präsident der Baptistischen Kirche im Zentrum Afrikas, CBCA, einer Mitgliedskirche der VEM, und Parlamentsabgeordneter in der Demokratischen Republik Kongo. Vor seiner Rückkehr in den Kongo war er Referent für die Region des französischsprachigen Afrikas der VEM. Hier seine Eindrücke:
»Seit vorgestern, 18. November, ist der Anführer der Rebellion, der abtrünnige General Laurent Nkunda, in eine neue Phase des Waffenstillstands getreten. Er hat sich 40 Kilometer von der Stadt Kanyabayonga in die kirchlichen Außenposten Bambu und Bwatsinge zurückgezogen. Gleiches gilt für den Fischerort Vichumbi im Außenposten Buturande. Die Rebellen sind in Kiwanja, Hauptort des Postens Buturande, und 15 Kilometer von der Stadt Goma geblieben. Zusätzlich zu Bemühungen von außen verhandeln Vertreter der örtlichen Kirchen mit ihm, damit er sich so weit wie möglich von Goma entfernt.
Ich komme soeben aus Kigali, aus einer Versammlung von Bischöfen und leitenden Pastoren der Kirchen von Burundi, Ruanda und Kongo. Gestern, Mittwoch, 19. November, haben wir eine 90minütige Unterredung mit dem ruandischen Präsidenten gehabt. Der Präsident hat offen zu uns gesprochen und uns versichert, dass er jegliche Friedensbemühungen für den Kongo unterstützt, denn es gehe dabei auch um Frieden und Sicherheit für sein eigenes Land und für die Region der großen Seen. Der Präsident hat jedoch besonders die Frage des Verbleibs der bewaffneten Truppen Ruandas FDLR (Demokratische Kräfte zur Befreiung Ruandas) angesprochen, die sich noch im Kongo befinden und die entwaffnet und nach Ruanda zurückgeführt werden sollen. Er hat verlauten lassen, er wolle den kongolesischen Präsidenten dessen eigene Armee das Problem nicht eigenständig lösen kann, dazu ermutigen, die Hilfe seiner Freunde anzufordern, um das Problem der FDLR zu lösen. Vor einer Woche haben wir auch den kongolesischen Präsidenten getroffen, der ebenfalls das Ende des Konflikts herbeisehnt. Er sei bereit zu Gesprächen mit dem ruandischen Präsidenten, und stellt Militärberater zur Verfügung, die die kongolesischen Einheiten, die sich mit der Frage der FDLR befassen werden, begleiten sollen. Außerdem sei er bereit zu Gesprächen mit Nkunda. Wir streben Treffen mit allen Persönlichkeiten an, die von der Konferenz von Nairobi als Vermittler im Konflikt benannt wurden.
Was die humanitäre Frage anbetrifft, geht man davon aus, dass zurzeit von den sechs Millionen Einwohnern Nord-Kivus zwei Millionen auf der Flucht sind. Das ganze Ausmaß der Katastrophe wird beim Flug über Goma deutlich. Rund um die Stadt und an vielen Orten sieht man riesige Flüchtlingslager. Es sind jetzt Planen und Zelte verteilt worden, und die Menschen müssen nicht mehr wochenlang im Freien schlafen und schutzlos Regen, Sonne und Kälte aushalten. Viele sind bereits erkrankt und suchen in Scharen die Krankenhäuser von Goma und der CBCA auf. 300 Menschen konnten in den drei medizinischen Einrichtungen der CBCA versorgt werden.
Dank der Unterstützung von 20.000 US-Dollar von Seiten der VEM konnten wir die Flüchtlinge mit den nötigsten Lebensmitteln und Medikamenten versorgen: diese Hilfe kam 1288 Menschen in Goma und 1242 in Buturande zugute. In den von Goma abgeschnittenen Außenposten von Bambu und Bwatsinge jedoch konnten wir einen großen Teil der Flüchtlinge nicht erreichen. Ebenso wenig konnten die zahlreichen Flüchtlinge in Kanyabayonga, Kirumba und Kayna versorgt werden. In diesen drei Städten musste die Bevölkerung vor den Plünderungen der Deserteure der kongolesischen Armee fliehen. Die Abgeordneten des Nord-Kivu haben an den Premierminister appelliert, dafür zu sorgen, dass die Soldaten, die für Plünderungen, Übergriffe und Morde verantwortlich sind, vor ein Gericht gestellt werden. Etwa zehn Soldaten sind auch tatsächlich durch das Militärgericht verurteilt worden. Es sollen aber auch die höheren Offiziere angeklagt werden, die sich schuldig gemacht haben, den Sold und die Essensrationen der Soldaten zu unterschlagen. Es scheint, als sei die Regierung aufgewacht, um der Unordnung, der Straffreiheit und der Korruption ein Ende zu setzen. Dennoch müssen den guten Absichten jetzt Taten folgen.
Wir hoffen inständig, dass die augenblicklichen Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft für die Wiederherstellung des Friedens im Kongo unsere Regierung maßgeblich darin unterstützen werden, die bewaffneten ruandischen Rebellen zu stellen, zu verlegen und in ihr Land zurückzuführen. Für den ruandischen Präsidenten steht die Lösung dieses Problems im Vordergrund, als Test der Aufrichtigkeit der FDLR, die das Verhältnis zwischen seinem Land und dem Kongo verdirbt. Die humanitäre Hilfe bleibt jedoch dringend, da die Bevölkerung bis jetzt nicht an ein endgültiges Ende des Krieges glaubt und die Rückkehr in ihre Dörfer hinauszögert.
Das Leid der Menschen ist unermesslich und schwer zu ertragen. Während einer Morgenmeditation hier im Büro der CBCA wurde berichtet, dass der Glaube vieler Christen auf die Probe gestellt wird. Sie beten häufig, haben aber eher den Eindruck, dass ihre Lage sich verschlechtert. Sie fragen sich, ob sich Gott wirklich um sie kümmert.
Wir brauchen Ihre Gebete, um der leidenden Bevölkerung im Osten des Kongos Hoffnung zu geben, dass Gott ihre Lage verbessern wird.«