Evangelisch in Westfalen: Die Evangelische Kirche von Westfalen

von Manfred Gronwald

Die Evangelische Kirche von Westfalen teilt das Schicksal der Region, nach der sie benannt ist: Wer nicht dort zu Hause ist, hat vielleicht schon mal davon gehört, weiß aber in der Regel nicht viel darüber. Dabei ist die westfälische Kirche mit derzeit 2,67 Millionen Mitgliedern in über 600 Gemeinden die viertgrößte deutsche Landeskirche.

Diese Menschen leben in Westfalen. Das ist heute der östliche Teil des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Zu Westfalen gehören das flache Münsterland ebenso wie die Berge des Sauerlandes und des Siegerlandes, die Region Ostwestfalen mit dem lang gestreckten Bogen des Teutoburger Waldes genau wie der Ballungsraum des Ruhrgebietes, jedenfalls seine östliche Hälfte. Wichtige Städte sind zum Beispiel Münster, Soest, Bielefeld, Herford und Minden, Paderborn, Siegen, Hagen, Bochum, Gelsenkirchen und Dortmund. Was es aber nicht gibt, ist eine westfälische Hauptstadt. Denn »Westfalen«, das war immer nur eine Landschafts­bezeichnung, Name für eine Region, nie ein staatlich-politisches Gebilde, kein Königreich, kein Herzogtum, keine Grafschaft. Und das hatte erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Protestantismus und der Kirchen dort. Man merkt es bis heute.

Die Reformation hielt früh Einzug in Westfalen. Nebeneinander entstanden lutherische Gemeinden und solche, die – aus den Niederlanden beeinflusst – in der Tradition Calvins standen. Und es gab natürlich katholische Regionen.

Die wichtigsten Landesherren, die im 16. Jahrhundert den politischen Flickenteppich Westfalen beherrschten, blieben zwar katholisch, erlaubten aber in ihren Territorien auch nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 die Existenz evangelischer Gemeinden. So kam es, dass in Westfalen sich lutherische und auch reformierte Gemeinden schon früh sehr selbstständig entwickeln konnten – von der staatlichen Obrigkeit nicht gefördert, aber auch nicht bevormundet. In diesem hohen Grad der Gemeindeselbstständigkeit liegt eine wichtige Wurzel des bis heute in der westfälischen Kirche geltende »presbyterial-synodalen« Systems. Das meint: Die Kirche baut sich von unten, also den Gemeinden, auf, die von Presbyterien geleitet werden, in denen Laien und ordinierte Amtsträger zusammenwirken. Und die Gemeinden sind es, die sich zu regionalen »Synoden« zusammenschließen, die heute »Kirchenkreise« heißen. Da es nie ein einheitliches landesherrliches Gegenüber gab, konnte sich ein landeskirchliches Selbstbewusstsein kaum entwickeln.

Lange Zeit standen sich in Westfalen Lutheraner und Reformierte durchaus unfreundlich gegenüber. Erst im 19. Jahrhundert, als Westfalen zu Preußen kam, wurde das Gegeneinander der evangelischen Konfessionen in einer »Union« aufgelöst, die den Bekenntnisstand der einzelnen Gemeinde achtete, aber die volle Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft in einer Kirche ermöglichte, die sich als Provinzialkirche Preußens verstand. Gegen manche kirchliche Erstarrung sind im 19. Jahrhundert im Siegerland und im Minden-Ravensberger Land Erweckungs­bewegungen entstanden, die es nicht beim Ruf zur frommen Inner­lichkeit beließen: Bedeutende diakonische Werke wie Bethel bei Bielefeld wurden damals gegründet.

Eine selbstständige »Evangelische Kirche von Westfalen« gibt es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ihre Kirchenordnung schrieb 1953 das presbyterial-synodale Prinzip fest. Die gewählten Presbyterien entsenden Vertreter in die Kreissynode, die als Leitungsorgane den Vorstand und eine Superintendentin oder einen Superintendenten wählt. Die Kreissynoden schicken Vertreter in die Landessynode, das höchste gesetzgebende Organ. Die Landessynode wählt die Mitglieder der Kirchenleitung und den oder die Präses als leitenden Geistlichen. Derzeit steht Präses Alfred Buß an der Spitze der Kirche, deren Sitz nach 1945 eher zufällig Bielefeld geworden war.

Zu den Besonderheiten der westfälischen Kirche gehörte von Anfang eine ausgeprägte gesellschaftspolitische Ausrichtung. Die Belange der Industriearbeiter­schaft im Ruhrgebiet waren in Westfalen lange ein wichtiges kirchliches Thema. Als innerhalb weniger Jahre das Ruhrrevier den größten Teil seiner einst florierenden Schwerindustrien verlor, hat das auch in der Kirche zu Verwerfungen und Narben geführt, die bis heute andauern. Auch wenn der »Strukturwandel« greift und manches neu wächst, bleiben jahrelange Arbeitslosenquoten von annähernd 20 Prozent (etwa in Gelsenkirchen und Dortmund) nicht ohne Folgen. Nicht überall, aber doch in manchen Vierteln ist die Verelendung mit Händen zu greifen und Depression zu fühlen.

Für die Kirche hat das Konsequenzen. Einerseits zusätzliche Herausforderungen an Seelsorge und Diakonie, andrerseits aber das, was sie »am eigenen Leibe zu spüren bekommt«: dramatisch und dauerhaft sinkende Finanzkraft, schrumpfende Gemeinden, unbezahlbare Schieflagen in der Personalstruktur (wo man vor 25 Jahren noch um mehr Pfarrer gebetet hat).

Die tägliche Frage, was (sich) die Kirche noch leisten kann, wird hier seit fünf Jahren mit einem – wie könnte es in Westfalen anders sein! – außerordentlich gründlichen und umfassenden Reformprogramm beantwortet. »Kirche mit Zukunft«, so der programmatische Titel, will alles kirchliche Handeln auf allen Ebenen unter die Lupe nehmen. Manche Protagonisten wollten am liebsten auch alles auf einmal ummodeln. Das ging natürlich nicht, die basisorientierte Kirchenstruktur sperrte sich gegen manche hochfliegenden Pläne.

Überzeugungsarbeit ist langwierig, der Reformschwung der ersten Monate ist vielerorts verflogen. Aber den Westfalen ist dennoch schon viel gelungen auf dem Weg zu einem passenden – also deutlich kleinerem – kirchlichen Gewand: Gemeinden schließen sich zusammen, kirchliche Dienste konzentrieren ihr Angebot, man trennt sich von Gebäuden und auch von Menschen. In diesen Tagen Anfang 2006 ist klar, dass der westfälische Reformprozess unumkehrbar ist. Noch nicht klar scheint aber, wie weit er am Ende gehen wird. Das westfälische Programm »Kirche mit Zukunft« war vermutlich das anspruchsvollste aller aktuellen landeskirchlichen Reformvorhaben. Zu hoffen bleibt, dass im nüchtern-bodenständigen Westfalen Anspruch und Augenmaß beieinander gehalten werden.

Manfred Gronwald war von April 2004 bis Ende 2005 Redakteur bei der Vereinten Evangelischen Mission. Zuvor war Gronwald über drei Jahrzehnte lang in ver­schiedenen Positionen in der westfälischen Kirche journalistisch tätig.

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