Reisetagebuch von Claudia Währisch-Oblau (5)
1. 3. | Shanghai
Von Hongkong nach Shanghai – von einer großen, lauten, vollen und verschmutzten Stadt in eine noch größere, lautere, vollere und noch mehr verschmutzte. Shanghai ist für mich der Stadt gewordene Alptraum. Vom Flughafen zur Innenstadt fährt man rund eine Stunde – und sieht nur Stadtautobahnen und hohe Häuser, kaum mal ein bisschen Gras oder ein paar kümmerliche Sträucher. Hier möchte ich nicht leben müssen.
Der Blick von der Huangpu-Brücke auf das Stadtzentrum ist atemberaubend in jeder Hinsicht. Die hohe Brücke bietet einen fantastischen Blick über die Shanghaier Skyline. Der höchste Fernsehturm Asiens wirkt inzwischen klein und verloren zwischen den neuen Hochhäusern, die ihn umragen. Atemberaubend ist aber auch die Smog-Glocke, die über der Stadt liegt. Graugelber Dunst, der alle Konturen verschwimmen lässt. Ich bin kaum eine Stunde in der Stadt und fange schon an zu husten.
Abendspaziergang auf der Nanjing Lu. Hier tobt das Leben. Auch abends um 20 Uhr schieben sich die Massen durch die Haupteinkaufsstraße von Shanghai. Vor jedem Restaurant warten lange Schlangen von Menschen auf einen Sitzplatz. In den eleganten Kaufhäusern drängen sich die Käufer – und die, die einfach nur zum Schauen gekommen sind, weil sie sich diese Waren nicht leisten können. Ich beobachte eine ältere Frau in abgetragener Kleidung, die zögernd vor einer Rolltreppe steht. Minutenlang schaut sie nur, dann tritt sie schließlich vorsichtig darauf. Krampfhaft hält sie sich am Handlauf fest. In Shanghai prallen Welten aufeinander.
Der Taxifahrer, der mich vom Flughafen in die Stadt gefahren hat, hat darüber gesprochen. Dass es Menschen gibt, die kaum genug zum Leben haben, und die ganz Reichen. Nirgendwo in China sind die Unterschiede krasser als in Shanghai. Luxuslimousinen neben bettelnden Kindern. Als ich 1985 zum ersten Mal in Shanghai war, hatte man mir voller Stolz erzählt, dass es das in Shanghai nun nicht mehr gebe.
Claudia Währisch-Oblau, Referentin für Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), ist seit Ende Februar in China unterwegs, um Gemeinden und Partner der VEM zu besuchen. Von 1985-1997 war sie selbst Mitarbeiterin des nichtstaatlichen Hilfswerks Amity Foundation in Nanjing und Hongkong. Hier sind Auszüge aus ihrem Reisetagebuch.
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