Zur Frage der Nachhaltigkeit von Personalaustausch
In Äquatorialguinea hatte ich einen jungen Kollegen in der neu aufgebauten Abteilung für kirchliche Entwicklungsprojekte. Bei seiner Rückkehr aus den Dörfern unterhielten wir uns regelmäßig über seine Erfahrungen und er sagte gelegentlich, die Menschen wollten mich, den ausländischen Mitarbeiter, selbst kennen lernen und mir zeigen, wie es um ihr Projekt stehe. Ich antwortete ihm: „Wenn du willst, dass deine Arbeit zerstört wird, dann lass uns das nächste Mal zusammen die Gruppen besuchen.“ Denn wer meint, dass er vor allem auf Geld und fremdes Wissen bauen sollte, vergisst schnell, was er selbst kann. Er lässt sich von kurzfristigen Vorteilen verführen, nimmt den Fremden als wegweisendes Beispiel und verdrängt seine eigenen Erfahrungen.
Manche Einrichtungen - ob nun Krankenhäuser, Druckereien, Schulen oder soziale Zentren – sind nur deshalb noch nicht untergegangen, weil man in Kamerun auch mit Schulden in Millionenhöhe noch viele Jahre weiterarbeiten kann. Gelegentlich erhalten sie einen weißen Direktor. Sofort „wissen“ alle, dass der Untergang aufgehalten und eine große Zukunft sicher ist. Es wird Geld kommen, neue profitable Beziehungen geben und die Einrichtung frei von persönlichen und finanziellen Interessen verwaltet werden. Denn der „Ausländer“ braucht nicht sein ganzes Dorf von den Einnahmen zu versorgen. Und was wird nach dem Fortgang des Mitarbeiters auf Zeit passieren?
Missionar als Spiegel
Der Präsident der Evangelischen Kirche Kameruns sagt, seine Kirche brauche nicht deshalb „Missionare“, weil die Kameruner zu derselben Arbeit nicht in der Lage seien, sondern weil sie sich als Teil der universellen Kirche verstehe. Die fremden Mitarbeiter seien als „Spiegel“ wichtig, in den man hineingucke, um zu sehen und manchmal gesagt zu bekommen, wer man ist. Er fährt gerne weiße Mitarbeiter und Gäste in entlegene Gemeinden, Missionsgebiete gar, um den dort lebenden Menschen zu „beweisen“, dass man es ernst mit ihnen und den versprochenen Projekten meine. Meist geschieht dann jahrelang doch nichts.
Ein fremder, vor allem weißer Mitarbeiter bedeutet in den Augen der meisten Menschen, dass man nicht allein gelassen oder vom Geldstrom abgeschnitten ist. Sie sind für die Leiter der Kirche „vertrauenbildendes Kapital“, die Kehrseite des Misstrauens, mit denen ihnen ihre eigenen Mitglieder begegnen. Aber kann der Fremde, der angeblich Geld und Wissen bringt, mitreden bei dessen Verwendung, sich einmischen in die Politik der Kirche? Und sollte er es? Was ist, wenn er feststellt, dass es manchmal gar nicht so sehr um die Armen geht, sondern vielmehr um das Prestige der Kirche und ihrer Leiter?
Lässt man ihm freie Hand in seinem Werk, wird seine Arbeit in der Regel gut gehen, bis zu dem Tag, an dem er geht. Er ist nützlich auf Zeit, aber nicht auf Dauer. Begnügt er sich mit der Rolle des Beraters, Begleiters und Lehrers und arbeitet anderen zu, dann mag er sich oft überflüssig vorkommen; vieles läuft an ihm vorbei, Vorschläge werden nicht oder viel zu spät aufgenommen. Er hat schnell den Eindruck, letztlich wenig zu verrichten.
Erfolg der Arbeit
Lässt sich der Erfolg des ausländischen Mitarbeiters überhaupt messen, angesichts des Durcheinanders der vielen Beweggründe, die dazu führten, dass er angefordert wurde, der unzähligen Konfliktsituationen zwischen Pastoren, Laien, Einrichtungen und Gemeinden innerhalb der gastgebenden Kirche, der unterschiedlichen, teils gegensätzlichen Zielsetzungen der Institutionen, der nicht immer klaren Abgrenzungen der Verantwortungsbereiche?
Es gibt vermutlich nur ein Kriterium für Erfolg, das aussagekräftig ist: Das, was der Mitarbeiter aufgebaut oder weiterentwickelt hat, hat Bestand, auch wenn er seit langem fort ist. Denn das ist nur möglich, wenn der Fremde nicht von oben eingeflogen kam, sondern sich integrierte, so wenig wie möglich wusste und „kommandierte“, sondern sich eher wie ein Fisch im Wasser bewegte und dabei gab und nahm, ohne sich dessen immer bewusst zu sein. Wenn er diejenigen zu Fuß begleitete, deretwegen er kam, nicht ihnen rasend voran eilte, auch nicht hinterher hinkte und erst recht nicht gegen sie arbeitete. Wer jemanden auf seinem Weg begleitet, lernt, wer er ist und was er kann. Er sieht auch, ob das, was man an Wissen gibt, aufgenommen wird oder nicht. Bleibt jemand dabei zurück, ist etwas falsch gemacht worden; es muss gewartet werden.
Bleibendes und Vergängliches
Auch wenn ein Helfer meint, dringend gebraucht zu werden, hat er es mit Menschen zu tun. Hilfe kann nie eine Einbahnstraße sein, sondern immer nur Begegnung. Und jede wirkliche Begegnung gibt dem anderen die Möglichkeit, von sich zu geben. Je mehr der andere von seinem Wissen und seinen Erfahrungen - auch denen seiner Vorfahren - einbringen kann, umso mehr wird die Tat des Helfers dauern. Denn der andere wird sie als seine eigene empfinden, auch nach der Abreise des Fremden.
Was ein Mitarbeiteraustausch bringt, lässt sich vielleicht am besten an der Antwort ablesen, die jemand auf die Frage gibt, was er selbst im fernen Land gelernt und erfahren hat. Nicht ob seine Arbeit kurzfristig erfolgreich war, sagt etwas über den „Sinn“ eines Arbeitsaufenthalts aus. Nicht was die anderen gelernt haben, sondern was der Helfer selbst vom Denken, den Organisationsweisen, dem Wissen und den vorhandenen Kräften der anderen erfahren und in seiner Tätigkeit verarbeitet hat. Kann er darauf ausreichend antworten, bedeutet dies, dass er die Menschen gestärkt hat, so dass sie es (vielleicht) auch ohne ihn schaffen werden. Er hat etwas sehr wichtiges beachtet: Entwicklung zerstört nicht Bestehendes, sondern entwickelt es weiter. Wer Bleibendes geben will, muss in der Lage sein, selbst aufzunehmen.
Reiner Rumohr ist VEM-Austausch-Mitarbeiter und arbeitet als Finanzberater in der Evangelischen Kirche in Kamerun (EEC). Er lebt mit seiner kamerunischen Frau und seinen fünf Kindern in Douala.
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