Die Aids-Arbeit im Ndolage-Krankenhaus in Tansania: Ein persönlicher Bericht
von Frank Beier
Nun ist sie endlich auf Papier gebracht, diese Geschichte, die ich schon lange aufschreiben wollte. Sie beginnt mit einem Foto und endet vorerst mit einem Foto. Beide habe ich im Krankenhaus von Ndolage im Nordwesten von Tansania aufgenommen.
Das erste Foto habe ich im September 1983 als Medizinstudent in Ndolage aufgenommen. Während einer Fortbildungsveranstaltung berichtete ein Arzt aus rein akademischem Interesse über eine exotische Erkrankung, die besonders Homosexuelle in den USA betraf. Auf die Tafel schrieb er zunächst „Aquired Immuno Deficiency Syndrome“ und dann hinter einem Pfeil „death“.
Das zweite Foto stammt aus dem Mai 2007. Eine bunt gemischte Gruppe von vierzig Menschen hat sich in aller Öffentlichkeit vor einem Neubau aufgestellt. Ein Foto von einer afrikanischen Feier, so wie ich viele auf meinem Computer gespeichert habe. Für mich ist es eines meiner wichtigsten Bilder, denn diese Menschen sind mit dem HIV, dem Erreger von AIDS, infiziert und das Gebäude ist das neue Behandlungszentrum für sie.
Zwischen beiden Bildern liegt ein langer Prozess. Im Oktober 1983 wurden die ersten AIDS-Fälle von Tansania in Ndolage diagnostiziert. Die erste Zeit war sehr von Angst geprägt, da die Übertragungswege noch unklar waren. Als die Übertragungswege klar wurden, gesellten sich Vorurteile und Verurteilungen hinzu. Im Folgenden wurde durch verschiedene Organisationen ein vorbildliches System der sozialen Betreuung und der Beratung aufgebaut. So gehen Mitarbeitende der kirchlichen Programme bis in abgelegene Dörfer, wo nun die Bevölkerung recht gut über das Problem aufgeklärt ist und Zugang zu gewissen sozialen Hilfen hat. Nach einem starken Anstieg in den letzten Jahren konnte ein leichter Rückgang der Neuinfektionen in der Kagera-Region beobachtet werden.
Im Jahr 2002 wurde ich Teil dieser Geschichte, als ich anfing, als Chirurg im Krankenhaus Ndolage zu arbeiten. AIDS ist nur eine von den vielen tödlichen Erkrankungen, die eng mit der Armut zusammenhängen. Aber es hat Familien dadurch zerstört, dass die Eltern gestorben sind. So müssen nun überall Waisen um das Überleben kämpfen. Besonders frustrierend war es für uns im Krankenhaus, dass wir oft für viel Geld Komplikationen der Infektion behandelten ohne etwas gegen den Verursacher der Krankheit unternehmen zu können. Wenn wir bei einem Patienten die Infektion diagnostizierten, konnten wir außer dem Rat zu einem gesunden Leben und verantwortungsbewussten Sexualleben nicht viel bieten. Trotz aller Aufklärungsarbeit war der Umgang mit dieser Erkrankung noch stark von Scham geprägt.
Mit einer Einzelspende von 300 Euro in den Händen und viel Optimismus fingen wir im Jahr 2003 an, ein Projekt zu planen, das Infizierten den Zugang zu antiretroviralen Medikamenten (ARV) ermöglichen sollte, also jenen Tabletten, die die den Krankheitserreger weitgehend unterdrücken und über viele Jahre ein normales Leben ermöglichen. Unser erste Zielgruppe waren Schwangere und ihre Familien aus unserer direkten Umgebung. Wir wollten die Übertragung der Erkrankung unter der Geburt verhindern und gleichzeitig helfen, dass Familien so lange wie möglich intakt bleiben. In langen Gesprächen mit den betroffenen entstand ein gutes Konzept, nur Geld war noch nicht in Sicht.
Genau erinnere ich mich noch an einen Samstag Ende 2003. Nachdem es mir morgens nicht gelang, einen potenziellen Geldgeber davon zu überzeugen, dass HIV-Infizierte nicht nur ausreichend Nahrungsmittel, sondern auch Medikamente gegen den Krankheitserreger benötigen, aß ich mittags mit einer deutschen Besuchergruppe. Diese bestand aus der Beauftragten für die Anti-AIDS-Arbeit der VEM und einer Delegation der Kirche von Hessen-Nassau. Mit schönem Blick auf den Viktoria-See konnte ich auch über meine enttäuschen Begegnung am Morgen berichten und war sehr erfreut, dass sich nun eine Möglichkeit fand, das Projekt durch Gelder aus Deutschland über die VEM zu finanzieren. Dieses sollte in Zusammenarbeit mit Nyakahanga, dem Hospital der benachbarten Karagwe-Diözese erfolgen. (Ein Bericht über die Anti-AIDS-Arbeit in Nyakahanga würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.)
Nun schien alles geregelt. Wir suchten eine qualifizierte Krankenschwester aus Ndolage als Koordinatorin für das Projekt, schickten Ärzte und Schwestern zu speziellen Ausbildungskursen und hatten intensive Vorbereitungstreffen mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus Nyakahanga. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für ärztliche Mission in Tübingen wurde die Versorgung mit den Medikamenten vorbereitet.
Aber das Leben ist für Überraschungen gut. Als wir kurz davor standen, die ersten Medikamente zu bestellen, sickerte die Neuigkeit durch, dass es nun notwendig sei, zunächst Ndolage für die antiretrovirale Behandlung zu registrieren. Der tansanische Staat begann nun, sich mit großer Energie um die Versorgung HIV-Infizierter zu kümmern. Da es von entscheidender Wichtigkeit ist, dass die Einnahme der Medikamente genau durch gut geschultes Personal kontrolliert wird, wurden strenge Vorschriften erlassen. Diese hatten wir zwar inhaltlich, aber nicht formal erfüllt. Entsprechend der Struktur des Gesundheitswesens sollte die Behandlung zunächst in den Regional-Krankenhäusern, später in den Distrikt-Krankenhäusern und viel später in den sonstigen Krankenhäusern, zu denen Ndolage zählt, begonnen werden. Es war relativ einfach, die Zulassung für eine medikamentöse Vorbeugung gegen die Übertragung der Infektion von der Mutter auf das Kind zu bekommen. Die Zulassung für die dauerhafte Behandlung infizierter Eltern war nun mit der Einrichtung eines großen Care and Treatment Centres (CTC) verbunden. Für unser Projekt wäre dieses das Ende gewesen und wir wussten nicht weiter.
Es folgte eine nervenaufreibende Zeit, in der die Strukturen unseres Projektes mehrmals vollkommen umgeworfen werden mussten. Es war unklar, ob wir nun mit der antiretroviralen Behandlung beginnen durften oder nicht. Es dauerte lange, bis klar war, wie die vom Staat angestrebte Struktur nun genau aussehen sollte. Die zu beachtenden Vorschriften kamen einzeln und nicht immer systematisch bis nach Ndolage. Die bereits gesammelten Gelder konnten wir noch nicht einsetzen. Gleichzeitig war es notwendig, über große Investitionen nachzudenken und finanzielle Garantien für das Fortbestehen der Unterstützung über die nächsten Jahre vorzulegen.
In dieser Zeit waren zwei Dinge ein Segen:
Es gelang uns, eine neue Koordinatorin, Witness Lubenge, für dieses Projekt zu finden. Sie konnte immer wieder von einer Behörde zur anderen zu laufen, bis klar war, was der nächste Schritt war. Hätten wir versucht, alles mit dem vorhandenen Personal zu bewerkstelligen, hätten wir zwar sehr kompetente Personen für diese Aufgabe einsetzen können, aber diese wären ohnehin schon überlastet gewesen und das Projekt wäre vermutlich gescheitert.
Da die Finanzierung über die VEM erfolgte, und wir uns alle einig waren, dass es sich um ein Pilotprojekt handelte, bei dem es darum ging, das Überleben und die Gesundheit der vom HIV Betroffenen zu sichern bis die staatlichen Maßnahmen greifen, waren wir nicht an enge Budgetvorgaben gebunden und konnten das Projekt immer wieder den aktuellen Herausforderungen anpassen. Ich erinnere mich noch, wie ich im Sommer 2005 den Unterstützergruppen geschrieben habe, warum wir bis jetzt kaum Geld von dem Spendenkonto angefordert hatten und doch weiter um Spenden baten.
Eine Akzeptanz durch den Staat bedeutete, dass wir die Medikamente kostenlos erhalten und gleichzeitig den Auftrag bekamen, alle HIV-infizierten aus unserem Einzugsbereich kostenlos zu behandeln. Ich hatte mich anfangs für ein kleines Pilotprojekt stark gemacht, das ich neben meinen anderen Verpflichtungen betreuen konnte. Nun war eigentlich alles eine Nummer zu groß geworden und zurückziehen konnte ich mich auch nicht, da niemand meine Aufgabe übernehmen konnte. Aber wir hatten ja nach dem Prinzip Hoffnung begonnen und ich bin Gott für die vielfältigen Hilfen vor Ort dankbar, die wir für dieses Projekt bekamen. 2005 kam für ein Jahr eine junge englische Ärztin als Volontärin nach Ndolage. Da ihr Schwerpunkt das öffentliche Gesundheitswesen war, stieg sie voll in das Projekt ein. Der Leiter des kirchlichen AIDS-Kontroll-Programms half uns, unsere Programmentwürfe den Vorgaben der Regierung anzupassen. Im nahen Städtchen Kamachumu gibt es eine eindrucksvolle Gruppe von Menschen, die sehr offen und konstruktiv mit ihrer HIV-Infektion leben.
Manchmal schien es so, als ob wir nie mit der antiretroviralen Behandlung in Ndolage beginnen würden. In den Dörfern um Ndolage hatten wir im Rahmen vieler Aufklärungskampagnen die Menschen über das Thema informiert und viele warteten auf das Eintreffen der Medikamente. Es war deshalb ein besonderer Anlass zur Freude, als wir dann im März 2006 die ersten Patienten behandeln konnten. Es war eine Freude, die Patientinnen und Patienten zu sehen, die noch vor einem Jahr dem Tode geweiht gewesen wären und nun wieder an Gewicht und Kraft zunahmen und ihre Familien selbstständig versorgen konnten.
Vor wenigen Monaten konnte ich noch selbst von dem Projekt profitieren: Eine uns gut bekannte 30 jährigen Nachbarin, alleinerziehende Mutter einer Tochter und zweier Pflegekinder kam zu mir mit der Bitte um Hilfe. Wie die meisten ist sie ohne ein festes Einkommen. Sie war an einem Karzinom des Gebärmutterhalses erkrankt. Es stellte sich heraus, dass, wie befürchtet, die zu Grunde liegende Ursache des Problems eine HIV-Infektion war. Ich konnte sie nun einfach in dem Projekt registrieren lassen. Sie wurde von einer kompetenten Seelsorgerin beraten und eine gute medizinische Behandlung einschließlich der notwendigen Operation war für sie sichergestellt. Früher hätte ich all dieses mit großen Schwierigkeiten selbst organisieren müssen.
Neben der Tatsache, dass nun viele Menschen wieder klinisch gesund sind und ihre Familie wieder ohne fremde Hilfe versorgen können hat dieses Projekt noch einen weiteren wichtigen Effekt gehabt. AIDS ist nun zu einer zwar nicht heilbaren, aber immerhin behandelbaren Erkrankung geworden. Wer sich heute testen lässt, bekommt nicht mehr eine Nachricht, die hauptsächlich als ein sicheres Todesurteil empfunden wird, sondern eine Perspektive, noch viele Jahre bei relativ guter Gesundheit zu leben. Es ist normal geworden, dass man sich im Zentrum für die HIV-Behandlung trifft und ganz offen über seine Infektion spricht. So ist auch das Schweigen gebrochen, was auch von entscheidender Bedeutung ist, um einer weiteren Verbreitung von AIDS vorzubeugen.
Inzwischen steht das Projekt gut auf eigenen Beinen, was hauptsächlich auch der Verdienst der Koordinatorin Witness ist. Die Medikamente werden vom Staat finanziert und für die folgenden Jahre ab 2008/9 konnten zunehmend Geldgeber gefunden werden. Es ist schön zu sehen, dass mit Gottes Hilfe ein Projekt, das hauptsächlich auf Hoffnung gegründet war, sich so gut entwickelt hat.
Inzwischen sind fast 500 Menschen in dem Projekt registriert, von denen knapp ein Drittel ARV bekommt. Bis die langfristig geplanten Hilfsgelder anderer Institutionen in einem Jahr kommen, ist das Projekt noch auf Hilfe über die VEM angewiesen.
Zum Schluss sollte ich noch beantworten, wofür wir das ganze Geld, das die VEM für uns gesammelt hat, verwendet haben. Natürlich musste das Gehalt der Koordinatorin gezahlt werden, aber das sind ja mit allen Nebenkosten nur 240 Euro im Monat. Teuerer wurde schon die komplette medizinische Versorgung der Projektteilnehmenden, denn der Staat liefert nur die ARV-Medikamente. Da diese aber der Hauptpunkt unseres Etats waren, blieb immer noch Geld übrig. Dieses wurde nun dringlich benötigt für den Bau jenes Behandlungszentrums, das wir im Mai eingeweiht haben. Der Staat hatte dieses zur Voraussetzung für unsere Anerkennung gemacht und auch die vorhandenen Räume reichten nicht. Aber warum soll man Gelder, die für importierte Medikamente geplant werden, nicht für Backsteine aus örtlicher Produktion verwenden?