Rezension von Jörg Baumgarten
Nun ist er erschienen, der ersehnte 2. Teilband von »Mission und Apartheid«: ein Thema, das unzeitgemäß erscheint. Wer interessiert sich noch für die Überwindung der Apartheid? Deshalb bedarf es einer starken Motivation, sich durch 437-seitigen zitatenreichen Text und 65 Quellen aus fünfzig Jahren jüngerer Missions- und Kirchengeschichte zu arbeiten. Aber die Mühe lohnt: der Umgang mit einem unterdrückerischen Regime, mit Befreiungsbewegungen, die auch militärische Gegen-Gewalt anwenden, Menschenrechtsverletzungen und die Beteiligung von Christen, Seelsorgern und Kirchen, die ihrem Auftrag gerecht werden wollen – das ist nicht überholt! Ein Blick nach Sri Lanka, auf die Philippinen, nach West-Papua und Palästina-Israel zeigt die Aktualität, auch wenn sich einfache Vergleiche verbieten. Die Vertraulichkeit seelsorgerlicher Gespräche, notwendige Öffentlichkeitsarbeit und kirchliches Handeln in schwierigen Konfliktsituationen, in denen Beteiligte schuldig werden – diese Fragen müssen in jeder Situation neu durchbuchstabiert werden: mit Betroffenen und den beteiligten ökumenischen Partnern!
Der ehemalige Pfarrer im Gemeindedienst für Weltmission Klaus Gockel hat sich (im Ruhestand) eine Riesenaufgabe vorgenommen, methodisch und sachlich brisant zugleich: Er erarbeitet die Geschichte von Mission (der Rheinischen Missionsgesellschaft und der VEM) und Apartheid von 1948 bis ca. 1990/1995. Seine Perspektive ist parteilich – auch wenn er sich mit eigenen Urteilen zurückhält – aus der Sicht eines kritischen deutschen Weggefährten und Freundes. Er wählt das Lebenswerk Siegfried Groths mit persönlicher Erfahrung und Erinnerung – und dann eben aufgrund von Interviews, 131 Tagebüchern und unzähligen, zum Teil bisher unveröffentlichter Quellen aus dem VEM-Archiv – als Leitperspektive seiner Geschichte von Mission und Apartheid. Und das anhand des Lebenswerks einer noch lebenden Persönlichkeit – eben S. Groths (wichtige Weggenossen wie A. Maasdorp und J. Schroer sind leider bereits verstorben). Was für eine Versuch? Außer Klaus Gockel hätte dies niemand leisten können!
Band 1 bietet den politischen Rahmen, eine Biographie Siegfried Groths sowie eine Übersicht über »Entstehung und Wachstum des Widerstandes gegen die Apartheid«. Im 2. Teil geht es um die »VEM und Kirchen an der Seite des namibischen Widerstandes gegen die Apartheid« von 1971 bis Ende der 70iger Jahre. Band 2 widmet sich auf 61 Seiten dem spannenden Konfliktfeld zwischen der Evangelischen Kirche im Rheinland und ihrer »Partnerkirche« in Namibia (ELCRN) im Zusammenhang mit dem Programm zur Bekämpfung des Rassismus des Ökumenischen Rats der Kirchen (mit Sonder- und Namibiafonds). Im Anschluss an Quo vadis – Namibia? 1981-1984 und den Wahlen 1989/90 widmet sich der Schlussteil dem Menschenrechtsreferenten und Flüchtlingsseelsorger Siegfried Groth mit seinem Dienst an den sog. SWAPO-Dissidenten bis hin zu seiner Verabschiedung (1990) und der folgenreichen Veröffentlichung von Dokumenten vor den Wahlen und des Buches »Namibische Passion« (dt./engl. 1995/6).
Einzelheiten können hier nicht gewürdigt werden. Beeindruckend jedenfalls, wie Siegfried Groth seine Gesprächspartner ausführlich selbst zu Wort kommen lässt und – neben Gebet und Fürbitte – um konkretes solidarisches Handeln wirbt. Selbst der Lutherische Weltbund, die eigenen Kirchen und die VEM – dazu Freunde in Deutschland und Namibia – lassen ihn allein: Unterschiedliche theologische und politische Urteile sowie Loyalitäten verhindern gemeinsame Schritte zur Überwindung der Apartheid und erschweren Gerechtigkeit und Versöhnung unter Befreiern und Befreiten. Der pietistisch geprägte Seelsorger Groth bleibt bei seiner Sache!
Leider verrät Klaus Gockel seine Motive für die Veröffentlichung nicht wirklich. Das Werk ist jedoch für Geschichte und Zukunft der Mission der Kirchen unverzichtbar. Es ist ein wertvoller Beitrag gegen das Vergessen und schärft Theologie und Praxis im Umgang mit den unteilbaren Menschenrechten. Insofern müssen alle – auch die, die sich andere Schwerpunkte gewünscht hätten (warum kein Kapitel über den Ök. Rat der Kirchen?) – dem Herausgeber und Siegfried Groth, der soviel ursprünglich Vertrauliches um seines Gewissens willen preisgegeben hat, sehr dankbar sein. Schön, dass auch seine treueste Weggefährtin und Ehefrau Hilde zu Wort kommt und seine langjährige Sekretärin wenigstens genannt wird. Es ist zu wünschen, dass diese umfangreiche Arbeit nicht nur von ehemaligen Weggefährten, sondern auch von denen gelesen wird, die sich beidem – individuellen Menschenrechten und struktureller Befreiung - verpflichtet wissen. Beides ist schließlich Sache der ganzen Christenheit auf Erden!
»Mission und Apartheid: Das Referat Afrika – Namibia – Menschenrechtsfragen (Südliches Afrika) der Rheinischen Missionsgesellschaft bzw. der VEM«
Hrsg. v. Klaus Gockel i. Verb. mit der Archiv- und Museumsstiftung, 2 Teilbände (Vorwort: B. Klappert), Wuppertal, 2006 und 2008, 640 S.