Von Elisabeth Schäffer
Kann man beten lernen? Das ist heute nicht nur eine Frage im Kirchlichen Unterricht, sondern sie beschäftigt auch erwachsene Menschen. Eine Konfirmandin antwortete spontan: »Beten kann man nicht lernen, man muss es wollen.«
Herr, lehre uns beten (Lukas 11,1)
Auch die Menschen, die mit Jesus durch das Land wanderten, um von Gott und seiner Liebe zu hören und weiter zu erzählen, sind unsicher in ihrer Beziehung zu Gott. Sie erleben, wie Jesus sich in die Einsamkeit zurückzieht, um mit Gott ins Gespräch zu gehen. Wenn er dann zurück kommt, erleben seine Jüngerinnen und Jünger, dass er neue Kraft bekommen hat. Aus dem erschöpften Prediger und genervten Heiler ist wieder der Mensch geworden, den sie lieben und der sie begeistert. Er ist wieder offen für die Menschen, die ihn suchen, für ihre Fragen und Anliegen; einfühlsam in ihre Situation und unerschrocken in der Begegnung mit seinen Kritikern und Gegnern. Sie spüren, das Gebet ist die Kraftquelle für Jesus. Darum bitten sie ihn eines Tages: Herr, lehre uns beten!
Denke ich an meine eigenen Erfahrungen mit dem Beten, dann kommt zuerst das Bild meiner Eltern, die abends an unsere Betten kamen und mit uns Kindern beteten. Zu Beginn beteten die Eltern für uns. Dann, mit drei oder vier Jahren, fügten wir auch unsere eigenen Gebete an. Und irgendwann, als ich zehn oder elf Jahre alt war, wollte ich allein beten.
In der Pubertät brach mein persönliches Gebet ab. Ich zweifelte an Gott und fragte: Gibt es ihn überhaupt? Beim Hineinwachsen in die Selbstständigkeit und Eigen¬verantwortung distanzierte ich mich von erlernten Formen gelebten Glaubens. Ich empfand es auch als viel bequemer, ohne Gedanken an Gott und andere Menschen in den Schlaf zu gehen. Erst zu Beginn meines dritten Lebensjahrzehnts begann ich wieder, in besonderen Situationen zu beten. Dabei musste ich wohl neue Worte und Formen der Anrede suchen, aber wie Beten geschieht und was es bedeutet, das war mir vertraut.
Ich möchte darum die Antwort der Konfirmandin etwas abgeändert bestätigen: »Man kann beten lernen, aber man muss es wollen.«
Heute gibt es viele Menschen, die im Elternhaus nicht gelernt haben zu beten. Das Gespräch mit Gott ist in den Familien längst verstummt. Auch Eltern, denen die Taufe ihrer Kinder wichtig war, finden selten eine Form, um mit ihren Kindern über Gott und seine Liebe zu sprechen und das Gespräch mit ihm einzuüben.
Darum suchen und fragen Menschen heute neu und ohne eigene Erfahrung: Wie kann ich mit Gott in Kontakt kommen? Vielleicht müssen wir »Schulen des Gebets« erfinden, damit wir Orte und Formen anbieten können, wenn Menschen neu den Kontakt zu Gott suchen.
Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem himmlischen Vater. (Matthäus 18,19)
Wenn ich von unserer Schwesterngemeinschaft erzähle, dann ist die erste Frage: Was sind das für Frauen, wer gehört dazu? Dafür habe ich eine kurze und für die meisten nachvollziehbare Antwort. Es sind Frauen, die sich für die weltweite Ökumene und Mission interessieren. Sie engagieren sich beruflich oder ehrenamtlich für eine gelebte, grenzüberschreitende Solidarität mit Menschen in Armut und Not und leben so ihre Mit-Verantwortung für die Welt. Die Gemeinschaft hat ihre Wurzeln im christlichen Glauben.
Und wie lebt ihr das? Ihr wohnt nicht zusammen, wie andere Kommunitäten; ihr habt Schwestern, die in Deutschland, England und Asien leben. Was verbindet euch?
Für mich ist die stärkste Verbindung das gemeinsame Gebet. Wir haben dafür eine eigene Gebetsordnung, die wir zeit- und wirklichkeitsnah gestalten. Wir beten füreinander in der Schwesterngemeinschaft und für die Menschen und die Arbeit in den Kirchen der VEM.
Manchmal werde ich auch gefragt: Was bedeutet dir die Gemeinsamkeit im Beten? Ich werde durch unsere Gebetsordnung hineingenommen in das Leben, die Sorgen und Hoffnungen unserer Mitgliedskirchen in Afrika, Asien und Deutschland. Damit wird mein Horizont offengehalten für die weltweite Kirche von Jesus Christus. Sie ist mir beim Beten in ihrer Weite vor Augen: Die Ortsgemeinde, in der ich lebe und ihre Partnergemeinde in Afrika; die Kirchen, mit denen wir verbunden sind und die Menschen, denen ich darin begegnet bin.
Es sind Frauen vor meinen inneren Augen: Evangelistinnen in den Usambara Bergen; Frauenhilfsfrauen aus der Karo-Batak-Kirche; Sonntagsschullehrerinnen in Hongkong und eine Pastorin in China. Ich werde beim Beten erinnert an die verschiedenen Aufgaben in der Vereinten Evangelischen Mission: an die diakonischen Arbeitsfelder der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel; an die Behindertenschule Alpha Omega auf Sumatra; an die Irentefarm in den Usambara Bergen. Die Missions- und Bildungsarbeit der unterschiedlichen Christinnen in ihrer je eigenen kulturellen Ausprägung beschäftigt mich, wenn ich sie vor Gott bringe. Und ich bekomme daraus auch Impulse für meine eigene Arbeit.
Und wenn ich es manchmal im Alltag eilig habe und denke, ich hätte keine Zeit, die besonderen Anliegen des Tages aus unserer Gebetsordnung vor Gott zu tragen, dann ist es für mich eine Ermutigung, dass es andere mit mir tun – und manchmal vielleicht auch für mich mittun.
Wenn du den Herrn, deinen Gott, suchen wirst, so wirst du ihn finden, wenn du ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen wirst. (5.Mose 4, 29)
Ich erinnere mich an ein Seelsorgegespräch, in dem ich klagte, dass ich morgens nicht ausreichend Ruhe und Zeit zum Beten fände und abends zu müde sei und darum über dem Beten einschliefe.
»Wenn dir das Beten wichtig ist, musst du auf anderes dafür verzichten.« Das war die Antwort der Seelsorgerin. Ich habe damals meine Uhr auf eine frühere Weckzeit umgestellt. Heute wäre ich bereit auf vieles zu verzichten, aber nicht auf diese Zeit der Stille und des Gebets, die nur mir und Gott gehört.
Pastorin Elisabeth Schäffer ist Mitglied der Schwesterngemeinschaft in der Vereinten Evangelischen Mission.