Reisetagebuch von Claudia-Währisch-Oblau (11)
10.3.08. Ich besuche eine alte Freundin. Sie ist Deutschdozentin an einer Nanjinger Universität. Beim Essen sprechen wir darüber, wie die Politik der letzten 25 Jahre das Leben der chinesischen Mittelschicht verändert hat. Vor 25 Jahren lebte sie mit ihrem Mann, ebenfalls Deutschdozent, und ihrer kleinen Tochter in einer winzigen, dunklen, feuchten Zwei-Zimmer-Wohnung. Die hatte zwar schon eine Toilette, aber nur einen Kaltwasserhahn in der Küche. „Damals war mein Traum, ein Telefon zu haben, und einmal im Leben in meiner Wohnung warm duschen zu können!“, lacht sie.
Mitte der neunziger Jahre wagte ihr Mann den „Sprung ins große Meer“ – er gab seine zwar schlecht bezahlte, aber sichere Stelle an der Uni auf und begann, für eine deutsche Firma zu arbeiten. Später machte er sich selbständig und begann, viel Geld zu verdienen. Seine Frau blieb an der Uni: Das bedeutete für die ganze Familie subventionierten Wohnraum und eine Krankenversicherung.
Heute gehört die Familie zur oberen Mittelschicht. Im letzten Jahr ist sie in eine über hundert Quadratmeter große Hochhauswohnung in einem der besseren Viertel Nanjings gezogen. „Die hätte auf dem freien Markt über 800.000 Yuan (rund 80.000 Euro) gekostet.“, erzählt meine Freundin. „Aber die Uni hat ganze Hochhausblocks gekauft und die Wohnungen billiger an ihre Lehrkräfte abgegeben.“ Die Familie besitzt ein großes Auto, und internationale Flugreisen in den Urlaub sind für sie ganz normal. In den letzten Jahren waren sie auf Safari in Kenia und in der Schweiz, in Kambodscha und Australien.„Wir gehören wirklich zu den Gewinnern.“, meint meine Freundin. „Wir haben genügend Sicherheit und viele Freiheiten. Aber vielen Chinesen geht es nicht so gut wie uns. Die Unterschiede zwischen Reichen und Armen werden einfach zu groß! Und außerdem – es ist ja schön, dass wir jetzt alle große Wohnungen und schöne Autos haben. Aber früher, als wir alle noch wenig hatten, waren die menschlichen Beziehungen besser. Und außerdem bezahlen wir den Wohlstand damit, dass wir keinen blauen Himmel mehr sehen. Ich muss ins Ausland fahren, um einmal richtig gute Luft zu atmen.“
Was meine Freundin sagt, denken in China viele. Die China Daily, die landesweite, englischsprachige Tageszeitung, greift in der Berichterstattung über den gerade tagenden Nationalen Volkskongress heute alle diese Themen auf. Da geht es zum Beispiel um das neue Arbeiterschutzgesetz, das jetzt endlich festschreibt, dass alle Arbeiter einen schriftlichen Vertrag bekommen müssen. Bisher werden die (oft analphabetischen) Wanderarbeiter vom Land in den Städten meist ohne schriftliche Verträge beschäftigt. Wenn dann der versprochene Lohn nicht oder nicht in voller Höhe gezahlt wird, können die Arbeiter sich nicht wehren.
Eine ganze Seite widmet die China Daily den „neuen Reichen“. 1984 hatte der damalige chinesische Parteiführer, Deng Xiaoping, den Slogan ausgegeben, dass „Reich werden glorios“ sei. Mit den Wirtschaftsreformen kam ein nie gesehener Aufschwung, und heute gibt es in China eine ganze Reihe von Milliardären. Neben Arbeitern, Bauern, Soldaten und Intellektuellen (das waren die klassischen vier gesellschaftlichen Gruppen im sozialistischen China) gibt es nun eine fünfte soziale Schicht, die der Selbstständigen. Sie umfasst rund 75 Millionen Menschen und schließt Geschäftsleute ebenso ein wie Anwälte oder Steuerberater. Diese Gruppe, gut 6,5% der Bevölkerung, erwirtschaftet laut China Daily ein Drittel des chinesischen Steueraufkommens.
Eine von ihnen ist Zhang Yin, Chinas reichste Frau, die Gründerin und Vorstandsvorsitzende von Nine Dragon Papers Industries. 2006 wurde ihr Vermögen auf 3,8 Milliarden US$ geschätzt. Sie gehört als Abgeordnete zur Nationalen Politischen Konsultativkonferenz, einem Beratungsgremium, das parallel zum Volkskongress tagt. Ihr letzte Woche veröffentlichter Vorschlag, die Einkommensteuer für Einkommen von über 100.000 Yuan (rund 10.000 Euro) jährlich von 45% auf 30% zu senken, und ihre öffentliche Kritik am neuen Arbeiterschutzgesetz, haben in China einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. „Die Reichen sollen nicht nur an sich selbst denken, sondern endlich ihre öffentliche Verantwortung wahrnehmen!“, ist der Tenor der Kommentare in den Zeitungen.
Claudia Währisch-Oblau, Referentin für Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), ist seit Ende Februar in China unterwegs, um Gemeinden und Partner der VEM zu besuchen. Von 1985-1997 war sie selbst Mitarbeiterin des nichtstaatlichen Hilfswerks Amity Foundation in Nanjing und Hongkong. Hier sind Auszüge aus ihrem Reisetagebuch.
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