Hommage auf eine mehr als 50-jährige VEM-Tradition
von Birgit Pfeiffer
Jedes Jahr im November verwandelt sich das Missionshaus der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal Barmen in eine Art Einkaufs- und Aktionszentrum. Schon kurz vor 10 Uhr bildet sich eine Schlange von Menschen, die ungeduldig auf Einlass warten – ein Traum für jede Kirche! Der Grund: Es ist wieder Missionsbasar.
Der Basar der VEM ist in seiner mehr als 50-jährigen Geschichte eine Institution, bringt er nicht nur ehemalige Mitarbeiter und Interessierte ins Haus, sondern vor allem Menschen und Familien aus Wuppertal, die sonst wenig mit Kirche zu tun haben, geschweige denn mit Mission.
An diesem zweiten Samstag im November – der traditionelle Basartermin – werden auf drei Etagen Bücher verkauft, sowie Secondhand-Kleidungstücke, Stoffe, Handarbeiten, Kunsthandwerk aus Afrika und Asien, Schmuck und selbst gemachte Marmelade. Auch Kaffee und selbstgebackene Kuchen, Würstchen, Reibekuchen und Waffeln werden für kleines Geld angeboten.
Der Trödelmarkt mit Adventsschmuck-Ecke ist in einem eigenen Gebäude auf dem VEM-Gelände untergebracht. Hier darf man nach Herzenslust schauen, stöbern und verhandeln. Auch die Tombola in der Eingangszone des Missionshauses macht nicht nur Kindern Spaß: Für einen kuscheligen Polizei-Teddybären, einen sechsteiligen Satz Steakmesser oder ein Puppenschminkset ist immer Platz im Gepäck – so hält es zumindest der klassische Basarbesucher.
Man kann nicht nur – man muss einfach zugreifen, wenn man diese Auswahl sieht. Vielleicht ist es auch die überschwängliche Stimmung, die einen verleitet, günstig Dinge zu erstehen, die man nächstes Jahr womöglich wieder mitbringen wird – es ist ja für den guten Zweck: Der Erlös des Basars, der auch Geldspenden umfasst, kommt immer einem diakonischen Projekt in Afrika oder Asien zugute. In einem guten Jahr wie 2007 kommen etwa 10.000 Euro zusammen. Damit lässt sich schon einiges anfangen. Durch Basareinnahmen sind schon sozial schwache Migrantinnen in Hongkong und behinderte Kinder in Afrika unterstützt worden. Dieses Jahr (2007) ist es das Ndolage-Hospital im Nordwesten Tansanias, wo auch Menschen medizinisch versorgt werden, die selbst die Behandlung nicht bezahlen können.
Eine Besonderheit des Missionsbasars ist, dass die hauptamtlichen VEM-Mitarbeiter diesen einen Tag ehrenamtlich aktiv sind. Der Basar mobilisiert über 80 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, Frauen der Schwesterngemeinschaft der VEM, aktive Senioren, die die Geschichte der VEM nicht nur miterlebt, sondern selbst mitgestaltet haben: Ehemalige Pioniermissionare, denen als junge Männer auf tropischen Inseln giftige Pfeile um die Ohren flogen, kochen hier das indonesische Reisgericht Nasi Goreng; und VEM-Schwestern, die vor 20 Jahren eilig in ein namibisches Dorf zu einer Entbindung gerufen wurden, schenken Kaffee aus; wiederum andere Schwestern sprechen fließend Chinesisch und verkaufen bunte Deckchen und Kurzwaren. Für sie alle ist der Basar eine Gelegenheit, alte Kollegen wiederzusehen, am Puls der Zeit zu bleiben, sich selbst wieder ins geschäftige Treiben zu werfen und Altvertrautes neu zu erleben. Auch viele neue Gesichter sind dabei, vor allem die Kinder von VEM-Mitarbeitern.
Der detaillierte vierseitige Einsatzplan, der schon Wochen vorher erstellt wird, lässt ahnen, wie viel Vorbereitung hinter dem Basar steckt. Bei Monika Nietz laufen die Fäden zusammen; seit vielen Jahren ist die resolute, humorvolle Einzelhandelskauffrau für den Missionsbasar verantwortlich, den sie mit ihrem Kernteam – Ramona Hedtmann und Karin Hahn – generalstabsmäßig organisiert: Die Kleidungsstücke, Bücher, Decken, Trödel müssen sortiert und aufgestellt werden, Tombolapreise müssen dazugekauft und ausgezeichnet werden, Freiwillige wollen angefragt und eingeteilt, Zeitpläne erstellt werden. Jeder Handgriff sitzt, auf jede Frage bekommt man eine kurze und prägnante Antwort. Man merkt, dass Monika Nietz die Arbeit Spaß macht und der Basar weit mehr für sie ist als ein Teil einer umfangreichen Arbeitsplatzbeschreibung.
Monika Nietz hat den Basar 1999 von Schwester Elisabeth Riemann übernommen. Bis dahin wurde er viele Jahre lang von der Schwesterngemeinschaft im damaligen Schwesternheim, dem heutigen Hester-Needham-Haus, ausgerichtet. Damals waren vor allen Dingen kunstfertige Handarbeiten im Verkaufsprogramm, Häkelwaren und Topflappen. »Der Trödelanteil machte gerade eine Tischtennisplatte aus«, erinnert sich Monika Nietz.
Damals wurde der Basar vor allem von evangelischen Frauengruppen aus Westfalen besucht. »Bis zu vier volle Reisebusse hielten vor dem Missionshaus. Heute sind es gerade noch vier Frauen, die jedes Jahr kommen«, sagt Monika Nietz. Die Reisebusse bleiben heute zwar aus, aber dafür ist der Anteil nichtkirchlicher Besucher aus Wuppertal höher geworden. Der Evangelische Frauenmissionsverein Homberg hat dem Basar aber dennoch bis heute die Treue gehalten. Andere Frauenhilfen und -gruppen spenden jedes Jahr hausgemachte Marmelade für den Verkauf und tragen so zum Gelingen des Basars bei. Die Mitglieder der Schwesterngemeinschaft und ihre Freundinnen beliefern die VEM nach wie vor mit dekorativen Handarbeiten, die sie über das Jahr anfertigen; andere der VEM Verbundene spenden Weihnachtsbasteleien, Salate und Kuchen.
Anders als man vermuten würde, laufen die Vorbereitungen für den Basar das ganze Jahr hindurch; es vergeht keine Woche, in der keine Ware ankommt: Spielzeug, Kleidung, Geschirr, Haushaltsgegenstände und vieles andere mehr; auch Kuriosa sind darunter, die sich bestens als Theaterrequisiten eignen würden, wie Koffer aus den 1950er Jahren, Pelze, Silberbestecke, Kaminuhren oder Liebhaberstücke wie historisches Spielzeug. Bei den Büchern sind theologische und philosophische Werke genauso vertreten wie Kriminalliteratur, Lyrik, Kunstgeschichte, Reiseführer, Comics, Kinderbücher und fremdsprachige Literatur.
Die VEM ist dankbar für Sachspenden, die für den guten Zweck verkauft werden. Jedoch nicht alles, was im Missionshaus ankommt, eignet sich zum Verkauf: Schadhafte Kleidungsstücke werden sofort aussortiert und in die Brockensammlung nach Bethel geschickt. Wer meint, Tante Trudis alte Haarbürste oder des verstorbenen Opas angefangene Rasiercreme seien ja noch gut genug für die Mission, der irrt. Schließlich repräsentiert der Basar die VEM nach außen.
Etwa 4.500 Kilogramm an Kleidungsstücken gehen jedes Jahr durch die Hände von Monika Nietz, schätzt sie. Mindestens 150 Bananenkartons an Trödel kommen an und noch mehr an Büchern. Die nicht verkauften Waren werden nach dem Basar kostenlos an karitative Einrichtungen weitergegeben. Das Kinderspielzeug, zum Beispiel, geht an den Kinderschutzbund. Man möchte die Kundschaft nicht mit „Ladenhütern“ vergraulen. Dennoch gibt es Gegenstände, die zu jedem Basar dazugehören, wie etwa die bunten Decken im ersten Stock. Sie werden von blinden Menschen gestrickt. Die Farbkombinationen dieser Unikate mögen zum Teil extravagant sein, aber sie sind kuschelig und einfach kultig. Man sieht ihnen an, dass sie mit viel Liebe und handwerklichem Geschick gefertigt worden sind.
Der Basar 2007 war der letzte, den Monika Nietz in ihrer hauptamtlichen Tätigkeit koordiniert hat. Sie geht 2008 in den Ruhestand. Wie der Basar in Zukunft koordiniert wird, steht noch nicht fest. Aber dass diese langjährige Tradition weitergeführt werden soll, ist beschlossene Sache.
Dieser Artikel erschien im VEM-Infoservice 6/2007. Nachdruck oder Weiterverwendung nur mit Genehmigung der VEM.
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