Die Zusammenführung von Christologie und Mission

Vortrag von Muriel Orevillo-Montenegro im Rahmen der VEM-Vortragsreihe "Mission lectures"

Mission ist keine Einbahnstraße – das ist in der internationalen Gemeinschaft der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) selbstverständlich. Die VEM lädt deshalb jedes Jahr eine Theologin oder einen Theologen nach Deutschland ein, um in Kirchen, an Universitäten und anderen Orten von ihrem Glauben und ihrer Missionstheologie zu erzählen. Für die diesjährige Vortragsreihe der VEM im November konnte die philippinische Theologin Prof. Dr. Muriel Orevillo-Montenegro gewonnen werden. Ihr Thema: "Der Jesus der asiatischen Frauen. Christologie und die Suche nach Gerechtigkeit und Frieden". Wir drucken hier die deutsche Übersetzung ihres in Englisch gehalteten Vortrags ab.

 

I. Einleitung

Wenn ich an Mission denke, kommt mir ein Bild in den Sinn – Gemeinschaften von Herzen, Körpern und Seelen. Ich denke an das Leid, das von der Sündhaftigkeit der Menschen verursacht wird, insbesondere aber an das Leiden jener, "an" denen "gesündigt" wird. Verzweifelte Gemeinschaften flehen: "Bitte hilf mir, mein gebrochenes Herz zu heilen, und lass mich wieder leben!" Wie können wir, die wir an Christus glauben, gebrochene Herzen heilen?

II. Christologie und Mission: gebrochene Herzen heilen 

Unsere Erfahrung auf den Philippinen ist, dass Mission im Rahmen der Kolonisierung als Christianisierung betrieben wurde. Heute noch haben Christen ein unterschiedliches Verständnis von Mission. Da gibt es diejenigen, die das alte Projekt der "Christianisierung" fortsetzen und Menschen zu ihrer eigenen Religionsgemeinschaft bekehren, um ihre Seelen zu retten. Dies tun sie sogar in den Philippinen, wo neunzig Prozent der Bevölkerung Christen sind. Sie stellen Strukturen, die den Menschen Armut, Not und Leiden bringen, nicht infrage. Und es gibt auch solche Christen, nach deren Missionsverständnis das Evangelium dadurch verbreitet wird, dass sie dafür arbeiten, unterdrückte Menschen zu befähigen und zu stärken. Dadurch können diese Menschen ihre Menschenwürde zurückgewinnen und ungerechte Systeme verändern, damit ihr Leiden ein Ende hat.

Eine inkarnatorische Christologie nimmt die Bedeutung der Fleischwerdung Gottes ernst. Sie kommt wesentlich zum Ausdruck in der konkreten Heilung von gebrochenen Herzen und in der Arbeit für den Frieden (Shalom). Das Festhalten an einer inkarnatorischen Christologie zwingt mich, traditionelle Christologien zu hinterfragen, die Frauen und andere Gruppen unterdrücken. Ich stelle Diskurse infrage, die mystifizieren, was Christus bedeutet, und die das Kreuz romantisieren. Beispielsweise glauben einige Leute, dass Christus Jesu Familienname ist. Bei uns zu Hause behaupten manche Prediger, das Kreuz sei der Ort der Erlösung. Sie sagen: "Si Jesus nagpakamatay sa krus tungod sa atong sala." Doch genau übersetzt bedeutet das Wort "nagpakamatay" "Selbstmord". Aber Jesus beging nicht Selbstmord. Er wurde wie ein Verbrecher getötet, weil es den Herrschenden missfiel, dass er die sündhaften Strukturen der Gesellschaft aufdeckte und die Menschen, gegen die gesündigt wurde, befähigte und stärkte. Sein Tod darf nicht losgelöst von seinem Wirken verstanden werden. Und sein Wirken war eine Demonstration dessen, was der Titel "Christus" bedeutet.

III. Praktische Herausforderungen für die Mission durch die Christologie

Asiatische Theologinnen lernen von einfachen Frauen, die auf ganz schlichte Weise darüber nachdenken, was sie nach dem Willen eines liebenden Gottes tun sollen. Die Antwort darauf finden sie im Leben Jesu. Dieses Verständnis bringt Menschen dazu, eine Spiritualität zu leben, in der sich die persönlichen und die sozialen Dimensionen des Lebens im Einklang miteinander befinden. In diesem Sinne fand ich ihre Christologie inkarnatorisch. Ich teile mit diesen einfachen Frauen den Glauben, dass Christus jemand ist, der uns in unserem Kampf um die Fülle des Lebens begleitet.

Der Glaube sagt uns, dass Christus in denjenigen lebt, die andere vor Durst, Hunger, Krankheiten, Einsamkeit, Katastrophen und anderen Formen des Leidens retten. Christus zeigt sich in Jesu Worten, als er sich selbst, unter anderem, als lebendiges Wasser, das Brot des Lebens und den wahren Weinstock bezeichnet. Im Kontext von wirtschaftlichen Ungleichheiten, Armut, Bürgerkriegen, religiöser Pluralität, Pandemien, ökologischen Problemen und Gewalt gegen Frauen und Kinder erfahren asiatische Frauen Christus in mannigfacher Gestalt, unter anderem als Hafer- oder Mehlbrei, als Getreide, als Mutter, als Freundin und als Schamane, der tanzt, um die verwundeten Herzen, Körper und Seelen zu heilen. Die Christophanie, die Erscheinung von Christus, geschieht also in ganz verschiedenen Formen.

Nach dem Taifun Sendong erzählten zum Beispiel die Frauen in einem Dorf, das zur Stadt Valencia in der Provinz Ost-Negros gehört, ihr Ort sei wie durch ein Wunder von den Erdrutschen verschont worden. Sie sagten, eine Fremde – eine alte Frau – habe darum gebeten, dass man ihr den Weg zeige. Ein Paar aus ihrem Ort habe nicht gezögert zu helfen, obwohl der Weg schwierig war. Als Dank habe diese alte Frau ihnen dringend geraten, sich auf die bevorstehende Katastrophe einzustellen, und ihnen versichert, dass ihnen keine Gefahr drohen werde. Die Dorfbewohner interpretierten diese Begegnung als eine Christus-Erscheinung. Christus erschien ihnen als alte Frau, die ihr Dorf rettete, indem sie vor der bevorstehenden Heimsuchung warnte.

Letztlich geht es bei der Christologie um Rettung und Befreiung aus allen Situationen, die Menschen ihrer Würde berauben. Dies ist, was Jesus die "Herrschaft Gottes" nennt – dass Frieden zur Realität gemacht wird; ein Ereignis der Rettung. Heute Morgen möchte ich Sie einladen, mit mir über drei Punkte nachzudenken.

1. Sich auf die Bedeutung des Christus zurückbesinnen: ein Anstoß zur Neubetrachtung der christlichen Mission

Wenn Missionsbemühungen in der Vergangenheit Teil der Kolonisierungsprojekte wurden, so lag das daran, dass ignoriert oder nicht ernst genommen wurde, was "Christus“ bedeutet. Christinnen und Christen müssen sich erinnern und darauf zurückbesinnen, was es bedeutet, der Christus zu sein, gesalbt zu sein. Als Jesus sagte: "Der Geist des Herrn hat mich gesalbt …", erkannte er an, dass der Heilige Geist ihn gesalbt oder zum Christus gemacht hat – nämlich in dem ganz realen Sinn, dass er fähig war, "zu verkündigen das Evangelium den Armen; … zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn” (Lk 4,18). Im Johannesevangelium appellierte Jesus an die Gläubigen und sagte: „Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun" (Joh 14,12). Ich betrachte dies heute als Aufforderung zu mehr Selbstprüfung, Umstrukturierung und "Recycling" der Kirche und der Glaubensgemeinschaften, damit sie noch größere christische Werke, d. h. Werke im Geiste Christi, als Jesus selbst tun und für alle Menschen und die Erde „Christus“ sein können.

2. Gesellschaftliche Gruppen "umarmen“" ein Weg zur Rückgewinnung des Eros

Gerade jetzt kommen mir viele Gruppen und Gemeinschaften in den Sinn, die einer Umarmung bedürfen. Sie haben Gottes umfassende Liebe nötig, die sich in Christus konkret offenbart. Die verzweifelten Gemeinschaften, die Opfer des jüngsten Erdbebens und des verheerenden Super-Taifuns geworden sind, brauchen unsere geistliche und körperliche Umarmung. Ich benutze ganz gewusst den Begriff Eros, um ihn von seiner sexualisierten Interpretation zu befreien. Ich besinne mich auf den Eros als die Macht und umfassende Liebe Gottes. Er ist die Leidenschaft für das Leben in einer Beziehung, die stärkt und befähigt und auf Gegenseitigkeit gründet. Und daher ist er für mich ein Gegenmittel gegen die verschiedenen Formen von Machtmissbrauch und Ungerechtigkeit. Ich sage dies als jemand, der aus einem Umfeld kommt, in dem der Begriff Philia (die Freundesliebe) missbraucht und der Begriff Agape (die göttliche Liebe) so spiritualisiert worden ist, dass diese Begriffe Menschen nicht mehr bewegen können, für Gerechtigkeit zu arbeiten und Leben zu schätzen und zu achten. Für manche Kirchen existiert der Eros offenbar nicht als Bestandteil im Kontinuum der Liebe Gottes, und daher sind sie nicht zu konkreten christischen Taten fähig. So hat zum Beispiel eine religiöse Gruppe auf der verwüsteten Insel Leyte nach dem Taifun Haiyan ein Spruchband aufgestellt, das sagt: "Jesus ist die Antwort." Niemand beachtet dieses Spruchband.

Ich erkenne den Eros als die Macht und umfassende Liebe Gottes in Menschen, die ganz konkret, auf unterschiedliche Weise, zum Christus werden für Menschen, die leiden. Nach dem Super-Taifun machten zwei junge Studenten einen Versuch mit dem Angebot einer kostenlosen Umarmung – sie hatten Plakate mit der Aufschrift "Gratis-Umarmungen" aufgestellt. Einige Leute standen diesem Angebot skeptisch gegenüber. Aber zur Überraschung der Studenten kamen Menschen ganz unterschiedlichen Alters zu ihnen. Manche hatten Tränen in den Augen, andere weinten sogar. Diejenigen, die anschließend interviewt wurden, sagten, die angebotene Umarmung habe sie getröstet und es ihnen wenigstens kurz ermöglicht, ihren unterdrückten Schmerz herauszulassen. Tatsächlich ist es ein Zeichen der Macht und der Liebe Gottes, leidende Gemeinschaften zu umarmen, und christisches Handeln, die gebrochenen Körper, Herzen und Seelen zu heilen.

3. Auf Jesus als Modell der Gastfreundschaft schauen

Die Globalisierung hat die Welt "kleiner" gemacht und Menschen stehen vor der Frage, wie Grenzen überwunden werden können, unter anderem im Hinblick auf Geographie, Kultur, Rasse, Religion und Geschlecht. Diese Grenzen stellen viele missionale Herausforderungen dar. Beispielsweise lassen viele Asiatinnen und Asiaten geografische und kulturelle Grenzen sowie Rassengrenzen hinter sich, um sich ihren Lebensunterhalt in reichen Ländern zu verdienen. Es gibt Erfolgsgeschichten, doch viele von ihnen sind in einer sehr schwierigen Lage. Sie geraten in moderne Formen der Sklaverei und manche von ihnen kehren im Sarg nach Hause zurück. In seiner Zeit überwand auch Jesus auch Grenzen.

 Und so wurde Jesus zum Vorbild für Gastfreundschaft, die gegeben und die empfangen wird. Jesus praktizierte Gastfreundschaft sowohl als Gastgeber als auch Gast. Die Speisung der Fünftausend war inklusiv; es gab keine Diskriminierung aufgrund von Volkszugehörigkeit, sozialer Schicht und Geschlecht. Jesus lebte Offenheit – nicht nur für Menschen, sondern auch für die ganze Schöpfung Gottes – beispielhaft vor. In seiner Praxis der Gastfreundschaft wird Jesus zum "Paradigma für das Mensch-Sein als Beieinander-Sein". Dieses Jesus-Modell der Gastfreundschaft, das durch die Mahlgemeinschaft symbolisiert wird, ist eine Herausforderung für die Kirchen und die Christen, insbesondere in einer Zeit, in der der Individualismus so großgeschrieben wird, in der statt Gastfreundschaft Fremdenfeindlichkeit und Homophobie vorherrschen und die Menschen sich um ihre Sicherheit sorgen.

IV. Schlussbemerkungen

Zusammenfassend lässt sich sagen: Bei Mission geht es darum, das Evangelium im christischen Handeln zu demonstrieren, im Heilen von gebrochenen Herzen, Körpern und Seelen. Dies erfordert, dass wir lernen, leidende Gemeinschaften zu umarmen, in Rückbesinnung auf den Eros als die Macht und umfassende Liebe Gottes. So sind wir befähigt, Widerstand gegen Ungerechtigkeiten oder gegen die Beteiligung an ungerechten Systemen zu leisten und den Einsamen und Bedürftigen das Geschenk der Gastfreundschaft anzubieten. Auf diese Weise werden Menschen Frieden in dieser Welt "kosten" oder erfahren. Bei Mission geht es darum, Leben zu geben, sich dafür einzusetzen und es zu erhalten.

Liebe Schwestern und Brüder, ich weiß, dass Sie sich sehr um die Mission bemühen. Dennoch möchte ich Sie fragen: Wie weit werden Sie selbst zum Christus für die Menschen, die leiden – seien diese in Ihrer Mitte oder in fernen Ländern? Öffnen Sie Ihre Herzen und Sinne noch mehr, um füreinander und für diejenigen zum Christus zu werden, die flehen: "Bitte hilf mir, mein gebrochenes Herz zu heilen, und lass mich wieder leben." Gott segne Sie.