Nommensen war nicht der erste Evangeliumsbote im Batakland. Ihm gingen US-amerikanische, englische und holländische Missionare voraus und er arbeitete zuletzt mit 60 weiteren RMG Mitarbeitern, 34 einheimischen Pfarrern und fast 800 Evangelisten zusammen.
Zu seinen Vorgängern gehörten Samuel Munson und Henry Lyman vom American Board of Commissioners in Boston, Massachusetts. 1834 wurden sie jedoch kurz nach ihrer Ankunft im Batakland ermordet und angeblich verspeist. Nach dem animistischen Verständnis der Batak konnte man sich die Kraft und Würde (sahala) eines Menschen dadurch aneignen. In diesem Kontext erforderte eine erfolgreiche Missionsarbeit also nicht nur gute interkulturelle Kompetenz, sondern vor allem Geduld, Toleranz und Liebe. Und damit war Nommensen, der in Armut und Einfalt auf der rauen, abgelegenen Hallig aufgewachsen war, reich gesegnet.
Auf Sumatra, wie in einigen anderen Gegenden Indonesiens, gab es im 19. Jahrhundert einen Wettlauf zwischen Islam und Christentum um die letzten heidnischen Gebiete. Die militante Padri-Bewegung (1803–1838) hatte das südliche Batakland weitgehend islamisiert. Der Priesterkönig der Batak, Si Singamangaradja X, war 1819 im Kampf mit den Padri gefallen, ohne dass die nördlichen Bataklande jedoch zum Islam konvertierten. Die gesellschaftliche Ordnung war jedoch zutiefst erschüttert, sodass sich viele Batak nach Erneuerung sehnten ohne aber ihre politische Unabhängigkeit verlieren zu wollten.
1857 nahmen Missionare aus der Gemeinde des Pastoren Witteveen im niederländischen Ermelo in Sipirok im südlichen Batakland ihre Arbeit auf. Zwei Jahre später mussten die rheinischen Missionare auf der Insel Kalimantan (Borneo) wegen eines Aufstandes der einheimischen Dayak gegen die niederländische Kolonialregierung ihr Missionsgebiet verlassen und warteten nun auf eine neue Aufgabe. Der Missionsdirektor der RMG, Friedrich Fabri, besuchte kurz darauf die Niederländische Missionsgesellschaft in Holland und stieß im Wartezimmer auf eine Übersetzung einiger Bibelteile in die Bataksprache. Dies war für ihn der „Fingerzeig Gottes“, dass die momentan arbeitslosen Missionare ins Batakland gehen müssen. Am 7. Oktober 1861 fand in Sipirok die erste Konferenz der rheinischen und holländischen Brüder statt. Man stellte sich unter das Prophetenwort aus Micha 4: 1-5. „Und die Völker werden herzulaufen und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen ... und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Sicheln machen" (Micha 4, 1-2).
Der Pionier Van Asselt schloss sich der RMG an und machte mit Missionar Heine bald darauf eine Erkundungsreise, die sie bis ins Silindungtal im „freien“ (noch nicht von Holland eroberten) Batakland führte. Ein kluger Lokalfürst, Raja Pontas Lumbantobing, gewährte ihnen Schutz. Wegen der feindseligen Haltung vieler anderer Batakführer konnten sie sich aber nicht ansiedelten.
Ende 1863 wagte Nommensen, der zunächst in Prausorat unter den Muslimen gearbeitet hatte, den Einzug ins Silindungtal. Er fand in Raja Pontas Lumbantobing einen Beschützer, Mitstreiter und Freund. Bereits 1865 konnte er dort die ersten Christen taufen, die jedoch von ihren Gemeinschaften verstoßen wurden. Durch die Not gezwungen gründete Nommensen eine Christensiedlung, Huta Dame (das Friedensdorf). Das hatte den ungewollten aber günstigen Nebeneffekt, dass er als Dorfgründer nun auch als Häuptling galt, was die Kommunikation mit den Fürsten erleichterte.
Die ersten Jahre waren sehr schwer für Nommensen und seine Frau Carolina Margaretha geborene Gutbrodt, die leider bereits 1887 verstarb. Der Missionar bekam viel Gelegenheit, seine legendäre „Geduld und Langmut“ zu üben. Mit gutem Einfühlvermögen, seinem undogmatischen, dialogischen Predigtstil und vor allem mit seinem großem Respekt für die traditionelle Kultur der Batak schaffte er es, eine neue Lebensordnung für die Christen im Batakland zu entwickeln: Sonntags- und Feiertagsgottesdienste gaben ein neues Zeitgefühl. Hausandachten und Beten vor dem Essen regelten den Tagesablauf. Die Konfirmation mit 14 wurde zum Schritt ins Erwachsensein. Für mindestens 10 Familien wurde ein Ältester (Sintua) gewählt. Eine starke Rolle war auch dem christlichen Häuptling zugedacht. Ferner bildete Nommensen Diakone, Diakonissen und später Pfarrer (Pandita Batak) aus. Die ersten Pandita Batak wurden 1885 ordiniert. Die Laien betätigten sich mit großer Begeisterung in den Kirchenchören. Nur mit der Abschaffung des Brautpreises glückte es ihm nicht.
1881 fand in Pearaja das erste „Missionsfest“ statt mit 3.500 Batak Lehrern, Ältesten, Häuptlingen und vielen jungen Christen. Zu den Themen gehörten der Schulbesuch der Mädchen, Lehrergehälter, Kirchbau und die „Kampfansage gegen den Islam“. Insgesamt bereitete die Mission die Batak aber auf den großen Kulturschock vor, der zehn Jahre später mit der Kolonisierung einsetzen sollte.
Später schaffte Nommensen den Durchbruch ins Kernland der Batak am Tobasee. Europäern war es streng verboten sich dem etwa 100 km langen und 30 km breiten Vulkansee zu nähern. Aber die Macht des Priesterkönigs schwand bereits angesichts von Kolonisierung und Christianisierung dahin. Am 17. Juni 1907 wurde der letzte Monarch, der Si Singamangaraja XII, erschossen. Seine Verwandten wurden aber von den Missionaren aufgenommen und bekehrten sich später zu Christus. So war das Christentum zur neuen Identität der meisten Batak geworden. Die Toleranz, die Nommensen zeitlebens gelehrt hatte, brachte auch Versöhnung mit den muslimischen Volksgenossen. Bis heute gibt es auf Sumatra keine Religionskriege wie in einigen anderen Teilen Indonesiens.
Als Nommensen, der seit 1881 erste Missions-Ephorus (Bischof) der Batakkirche am 23. Mai 1918 in Sigumpar im Batakland verstarb, gab es dort bereits 180.000 Christen in 500 Gemeinden. Die Berichte über das Wachsen des Reiches Gottes in dieser Region dienten den Missionskreisen in Deutschland in schweren Zeiten als Quelle des Trostes und der Erweckung.
Heute ist Nommensen wie die meisten anderen Missionare leider weitgehend in Vergessenheit geraten. Missionsromantik ist zurecht unbeliebt geworden. Aber, Persönlichkeiten wie Nommensen können auch für unsere Zeit eine große Bedeutung haben für die Beziehungen zwischen den Völkern. Als geschichtliche Persönlichkeiten (einige würden sogar sagen als Heilige) verbinden sie ganze Völker in Ost und West, Nord und Süd. Jährlich pilgern viele Batak nach Nordstrand. Andere kommen in das Land ihres Urahnen Nommensen zum Studium oder aus geschäftlichen Interessen. Als Deutscher fühle ich mich bei den uniert-lutherischen Glaubensgeschwistern auf Sumatra fast wie zu Hause im Rheinland.