Reisetagebuch von Claudia Währisch-Oblau (7)
3.3.08 | Shanghai
Sonntag Nachmittag – Zeit, alte Freunde in Shanghai zu besuchen. Meine chinesische Freundin schleppt mich als erstes in einen Massagesalon. „Du bist doch schon seit einer Woche unterwegs, da tut das jetzt gut!“ Zur Massage gehen ist eine beliebte Shanghaier Freizeitbeschäftigung und etwas, was man mindestens zu zweit tut. Die Salons sind darauf eingerichtet und haben in jedem Zimmer mindestens zwei Liegen. Aus den halb offenen Schiebetüren der Nebenzimmer höre ich Gespräche und Gelächter. Ich habe meine Freundin zuletzt vor drei Jahren gesehen. Aber während wir nebeneinander liegend wunderbar massiert werden, stellt sich die alte Vertrautheit schnell wieder ein.
Meine Freundin, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, wohnt in Pudong. Vor 20 Jahren war hier, östlich des Huangpu, nur Sumpf. Heute stehen in Pudong mehr Wolkenkratzer als in Manhattan.
In der Nähe des Flusses finden sich die eleganten Hotels, die Finanzzentren, und die gepflegten Wohnanlagen für Menschen mit viel Geld. Für eine Hundert-Quadratmeter-Wohnung mit Blick auf den Fluss zahlt man hier mindestens 20.000 Yuan, rund 2.000 Euro. Die Hausangestellten, die in diesen Wohnungen arbeiten, verdienen zwischen 1.500 und 2.000 Yuan im Monat und gelten damit als sehr gut bezahlt.
Abends treffe ich noch einen deutschen Freund, der seit einigen Jahren in Shanghai arbeitet. Er erzählt von den Schwierigkeiten ausländischer Firmen. „Die Chefs kriegen leuchtende Augen, wenn sie hören, wie wenig ein chinesischer Computerexperte verdient. Aber meist stellen sie dann schon nach kurzer Zeit fest, dass diese billigen Arbeitskräfte gar nicht die nötigen Qualifikationen haben. Dann werden doch wieder die teuren Expatriates aus Europa und Nordamerika eingeflogen.“
Abends im Bett lese ich noch einen Krimi von Qiu Xiaolong. Dieser Shanghaier Autor, der inzwischen in den USA lebt, beschreibt ein Shanghai voller Korruption – Parteibosse, die sich bereichern, Geschäftsleute, denen jedes Mittel recht ist. Nur der Kriminalkommissar, ein aufrechter Mann, der gern klassische chinesische Lyrik zitiert und selbst Gedichte schreibt, hält die Hoffnung auf eine bessere Welt aufrecht.
Claudia Währisch-Oblau, Referentin für Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), ist seit Ende Februar in China unterwegs, um Gemeinden und Partner der VEM zu besuchen. Von 1985-1997 war sie selbst Mitarbeiterin des nichtstaatlichen Hilfswerks Amity Foundation in Nanjing und Hongkong. Hier sind Auszüge aus ihrem Reisetagebuch.
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