Reisetagebuch von Claudia Währisch-Oblau (10)
7.3.08: Den ganzen Tag haben wir bei der Amity Foundation verbracht. Sie ist die Entwicklungshilfeorganisation des Chinesischen Christenrats und war bei ihrer Gründung 1985 eine der ersten echten Nicht-Regierungsorganisationen in China.
Von einer »drei Mitarbeiter, zwei Schreibtische« - Körperschaft (im damaligen Büro war nur Platz für zwei Schreibtische, die auch ausreichten, weil immer mindestens ein Mitarbeitender unterwegs war) hat sich die Foundation zu einer der größten nichtstaatlichen Wohlfahrtsorganisationen in China entwickelt. Fast 50 Mitarbeitende gibt es in der Nanjinger Zentrale, und noch einmal so viele in den 12 Projektbüros in den Armutsgebieten Chinas. Das jährliche Budget überschreitet inzwischen 100 Millionen Yuan (10 Millionen Euro).
Der Reichtum, dem ich in Shanghai und Nanjing permanent begegne, ist ja nur die eine Seite Chinas. In den Wüsten- und Berggebieten Westchinas gibt es immer noch zig Millionen Menschen, die mit weniger als 100 Euro im Jahr auskommen müssen, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken können, und die im Krankheitsfall weder das Geld für eine medizinische Versorgung haben, noch überhaupt eine halbwegs eingerichtete Krankenstation in ihrer Nähe.
Amitys Projekte in diesen Gebieten konzentrieren sich auf landwirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz, auf Basiserziehung und Programme zur medizinischen Vorsorge. Um gezielter und kompetenter arbeiten zu können, hat die Stiftung vor kurzem eine eigene Forschungsabteilung eingerichtet. Hier sollen gesellschaftliche Entwicklungen analysiert und angemessene Entwicklungsstrategien entwickelt werden.
Qiu Zhonghui, Amitys Generalsekretär, ist ein engagierter Mittfünfziger, der schon lange dabei ist. Über seine Mitarbeit in Amity hat er den christlichen Glauben kennen gelernt; letztes Jahr wurde er getauft. Im Gespräch mit uns betont er, dass Amity sich verändern müsse. Bisher komme ein Großteil der eingesetzten Gelder aus dem Ausland, vor allem von Kirchen und kirchlichen Entwicklungshilfeorganisationen. Die hätten jedoch fast alle mit sinkenden Einnahmen zu kämpfen. „Darum dürfen wir uns nicht nur auf die ausländischen Freunde verlassen; wir müssen in China Einnahmequellen erschließen.“, sagt Qiu. Wie das geht, sehen wir beim Mittagessen. Das schicke Restaurant gleich neben der Amity-Zentrale gehört zu den Sponsoren – überall hängen Amity-Plakate, auf jedem Tisch gibt es Amity-Prospekte, und auf dem Tresen steht eine große Spendendose.
Claudia Währisch-Oblau, Referentin für Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), ist seit Ende Februar in China unterwegs, um Gemeinden und Partner der VEM zu besuchen. Von 1985-1997 war sie selbst Mitarbeiterin des nichtstaatlichen Hilfswerks Amity Foundation in Nanjing und Hongkong. Hier sind Auszüge aus ihrem Reisetagebuch.
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