Reisetagebuch von Claudia Währisch-Oblau (8)
5.3. | von Shanghai nach Nanjing
Wir reisen von Shanghai nach Nanjing. Vor dem Bahnhof in Shanghai drängen sich die Wanderarbeiter, die aus den ländlichen Regionen in die Stadt kommen und hier auf dem Bau, in der Straßenreinigung, oder in Restaurants arbeiten. Gestern haben wir gehört, dass es für sie seit letztem Jahr einen vorgeschriebenen Mindestlohn gibt: 800 Yuan, umgerechnet 80 Euro im Monat. Das ist nicht viel in Shanghai. Aber mache Bauern im armen Westen Chinas verdienen im ganzen Jahr nicht so viel.
Seit dem letzten Jahr gibt es eine neue Intercityverbindung zwischen Shanghai und Nanjing. Die schnittigen weißen Züge brauchen für die rund 240 km nur noch 2 Stunden. Die Züge verkehren im Schnitt alle halbe Stunde, trotzdem sind sie bis auf den letzten Platz besetzt. Ohne Platzreservierung kann man nicht mitfahren.
In Nanjing ist herrliches Frühlingswetter. Wir fahren zum Jiming-Tempel, einem buddhistischen Nonnenkloster auf einem kleinen Hügel über der Stadt. In der Kulturrevolution wurde dieser Tempel weitgehend zerstört, in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts dann wieder aufgebaut. Hier erleben wir das alte China: gelbe Mauern, geschwungene Dächer, Weihrauchdämpfe, eine wunderschöne Pagode. Doch das neue China lässt sich nicht ausblenden: In allen Richtungen ragen hinter den Tempelgebäuden die Wolkenkratzer Nanjings auf.
Wir beobachten junge Menschen, die beten und Weihrauch verbrennen. Sie kommen meist mit konkreten Anliegen: Gutes Gelingen bei einer Prüfung, Segen für die Ehe, Heilung von Krankheiten.
In einer Halle an der Seite sitzen junge Nonnen, eindrücklich anzusehen mit ihren geschorenen Köpfen und in ihrer grauen Tracht. Sie werden von einer älteren Nonne unterrichtet, die an einem Laptop sitzt. Mit Beamer und Powerpoint führt sie in eine heilige Schrift ein.
Der Sonnenschein lockt uns ins Grüne, wir fahren zu den Purpurbergen vor der Stadt. Am Pflaumenblütenhügel drängen sich die Menschen, denn die Pflaumenblüte hat gerade begonnen. Die weiß und rosa blühenden Bäume duften betäubend. Pflaumenblüten sind die ersten Zeichen des Frühlings, sie sind hoch symbolbeladen. In zahlreichen klassischen Gedichten werden sie besungen, ein berühmter jahrhunderte alter Roman heißt »Das Wunder der zweiten Pflaumenblüte«, und wer die chinesische Malerei kennt, weiß, dass Pflaumenblüten zu deren beliebten Motiven gehören. Xiumei, »schöne Pflaumenblüte«, ist ein gängiger Mädchenname.
So strömen die Stadtbewohner zur Blüte zum Pflaumenblütenhügel. Man genießt den Blick über die schaumig wirkenden Baumwipfel, picknickt in der Sonne – und vor allem fotografiert man sich gegenseitig.
Claudia Währisch-Oblau, Referentin für Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), ist seit Ende Februar in China unterwegs, um Gemeinden und Partner der VEM zu besuchen. Von 1985-1997 war sie selbst Mitarbeiterin des nichtstaatlichen Hilfswerks Amity Foundation in Nanjing und Hongkong. Hier sind Auszüge aus ihrem Reisetagebuch.
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