Von Elisabeth Schäffer
Globalisierung im Sinn von grenzüberschreitenden, weltweiten Verbindungen im Glauben und gegenseitiger Verantwortung füreinander – so möchte ich eine christliche Sicht des Begriffes definieren. In diesem Sinn ist Globalisierung eine gute und wünschenswerte Bewegung; allerdings sehr anders als die heutige Verengung auf das allein von Kapitalinteressen geprägte Marktgeschehen. Unter diesem Blickwinkel ist die Schwesterngemeinschaft in der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) ein ›global player‹ als Lern-, Dienst- und Unterstützungsgemeinschaft von Frauen in Afrika, Asien und Europa.
Seit mehr als hundert Jahren arbeiten Frauen aus Europa in Ländern Afrikas und Asiens bei der Vorgänger-Organisation der Vereinten Evangelischen Mission und seit etwa fünfzig Jahren auch Afrikanerinnen und Asiatinnen in Europa.
Schwestern: Selbstständig und verantwortungsvoll von Anfang an
Die Ursprünge der Schwesterngemeinschaft lagen zu Beginn in der Notwendigkeit, für alleinlebende Frauen eine Lebensform zu finden, in der sie ihren Dienst in Übersee wahrnehmen konnten. Denn anders als bei Männern war es in den damaligen Gesellschaften nicht vorstellbar, dass eine Frau selbstständig und ungebunden leben und an verantwortlicher Stelle arbeiten konnte. Frauen brauchten eine »Anbindung«, mussten »unter die Haube« gebracht werden. Die Einbindung in eine Schwesterngemeinschaft gab den Frauen einen gesellschaftlichen Status und eine ähnlich Achtung, wie sie einer verheirateten Frau ganz selbstverständlich entgegengebracht wurde. Gleichzeitig behielten die Schwestern jedoch eine große Freiheit für ihrem diakonischen und missionarischen Dienst. So entstand 1889 aus der Schwesternarbeit der Rheinischen Missionsgesellschaft die heutige Schwesterngemeinschaft.
Für Frauen, die selbstständig ein Arbeitsfeld im Ausland übernehmen sollten, wurden die Erfahrungen der Diakonissen in Deutschland aufgegriffen. Alleinlebende Frauen wurden als Schwestern eingesegnet und als Missionarinnen nach Afrika und Asien entsandt.
Anfangs wurde jede Frau in der Rheinischen Missionsgesellschaft mit ihrer Entsendung nach Afrika oder Asien in die Schwesterngemeinschaft aufgenommen. Ähnlich war es in der Bethel Mission, die Diakonissen oder Ravensberger Schwestern nach Afrika entsandte.
Schwesterngemeinschaft in Afrika: Tansania
Durch Missionsschwestern aus unterschiedlichen Gemeinschaften wurde die Lebensform von Schwestern-Kommunitäten in Afrika und Asien bekannt und als Möglichkeit für Frauen aufgegriffen, die einen diakonischen Dienst in ihrer Kirche übernehmen wollten.
Im Nordwesten der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania wuchs aus der Arbeit der Sarepta-Diakonissen der Wunsch nach einer Gemeinschaft für alleinlebende Frauen im kirchlichen Dienst. Auf Wunsch eines Bischofs kam es zur Gründung eines Ausbildungszentrums, in dem junge Frauen für den Gemeindedienst ausgebildet wurden. Ähnlich wie in der Geschichte der Missionsschwestern, wurden die Frauen zu Diakonissen eingesegnet, wenn sie ihren Dienst in der Gemeinde begannen. Anders aber als in der deutschen Tradition, blieb auch für eingesegnete Diakonissen in Tansania ein innerer Wunsch, in der eigenen Familie Kinder zu haben, um so auch die eigene Zukunft wirtschaftlich zu sichern.
Da die Schwesterngemeinschaften in Bukoba und Karagwe auch strukturell in die örtliche Kirche eingebunden sind, wird ihre Entwicklung von der Kirchenleitung sehr stark mitbestimmt. Wenn die Schwestern heiraten, verlassen sie die Gemeinschaft und ihren kirchlichen Arbeitsplatz. Und als Familienfrauen haben sie kaum eine Möglichkeit, in der Kirche wieder hauptamtlich zu arbeiten. Weil die Entfernungen in Afrika groß sind und öffentliche Transportmittel selten, kann auch die geistliche Gemeinschaft der Frauen miteinander nicht mehr gepflegt werden.
Schwesterngemeinschaft in Asien: Indonesien
In Indonesien ist die Situation anders. In der Christlich-Protestantischen Toba Batakkirche (HKBP) wurde die Schwesterngemeinschaft IKADIWA Ende der 1950er Jahre gegründet. Sie will ein Zuhause sein für alleinlebende Frauen, die einen diakonischen Dienst in der Kirche tun wollen. Sie versteht sich als Diakonissenschaft, die verbunden ist in geistlicher Gemeinschaft und diakonischem Dienst. Die Form der Verbindlichkeit wurde kulturell angepasst. Frauen verpflichten sich für eine begrenzte Zeit. Diese Verpflichtung auf Zeit kann immer wiederholt werden. Bis heute werden nur alleinlebende Frauen aufgenommen.
Anders als in Afrika, gibt es in der Gemeinschaft IKADIWA für Diakonissen im Ruhestand Heimat und Versorgung im Zentrum der Gemeinschaft. Das fördert die Gemeinschaft, ihr geistliches Leben und die Selbständigkeit der Schwestern.
Wenn Diakonissen heiraten, verlassen sie die Gemeinschaft. Die Schwestern begründen diese Regel mit der gesellschaftlichen Situation; über verheiratete Diakonissen bestünde die Möglichkeit, dass Ehemänner auf die Gemeinschaft Einfluss nehmen. Das ist nicht gewollt.
Daran wird deutlich, dass sowohl geistliche wie emanzipatorische Impulse aus der Geschichte der Schwesterngemeinschaft der Rheinischen Mission/VEM und der Kaiserswerther Diakonisssen aufgegriffen und kulturell unterschiedlich angepasst für die eigene Situation umgesetzt wurden.
Die strukturelle Einbindung der Schwestern in die Kirche, wie im Nordwesten Tansanias, zeigt, dass geistliche und emanzipatorische Impulse aus der Gemeinschaft in die Kirche und Gesellschaft hinein behindert werden können. Eine eigenständige Schwesterngemeinschaft, das zeigt die Erfahrung von IKADIWA, ermöglicht mehr Freiheit zur eigenen Lebens- und Dienstgestaltung.
Globalisierung als Vernetzung von Erfahrung
Globalisierung als eine Vernetzung von Erfahrung, die aus dem christlichen Glauben wächst und gestützt wird, ist eine Frucht des Evangeliums und seiner Mission. Sie zeigt Wege zur Freiheit im Leben und für den Dienst von Frauen.
1971 schlossen sich die Rheinische Mission und die Bethel-Mission zur Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) zusammen.
Im Zusammenhang mit der inhaltlichen und strukturellen Neugestaltung der VEM 1996, hat sich auch die Schwesterngemeinschaft 1997 internationalisiert. Frauen aus den Mitgliedskirchen in Asien und auch Frauen, die die Arbeit der VEM in Deutschland unterstützen, sind in die Schwesterngemeinschaft eingetreten.
Beziehungen zu IKADIWA in Indonesien und zur Kaiserswerther Schwesternschaft sind verstärkt worden. Die Arbeitsbereiche der Bethel-Mission wurden von Diakonissen aus Sarepta mit gestaltet. So wurden nach der Gründung der VEM gute Beziehungen zu den Sarepta-Schwstern in Bethel selbstverständlich und ebenso die Verbindung zu den Schwesternschaften in Tansania, in der Karagwe-Diözese und der Nordwest-Diözese der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania.
Frauen-Kommunitäten fördern Emanzipation
Diese internationalen Verbindungen und Kontakte zu weiteren Frauen-Kommunitäten in der Ökumene sind auch für die Zukunft wichtig. Schwesterngemeinschaften sind seit der Gründung von Klöstern bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine wichtige Lebensform von Frauen gewesen, die ihnen ein eigenständiges Leben ohne Ehe und Kleinfamilie ermöglichte. Sie haben in Europa in unterschiedlicher Art auch die Emanzipation von Frauen ermöglicht und gefördert. Der emanzipatorische Impuls, der seine Wurzeln im Evangelium hat, ist (oft unbewusst) in die Frauenarbeit in Afrika und Asien mitgegeben worden. Es ist die Hoffnung der Schwestern in der VEM, dass er weiterhin Wirkung zeigt und Früchte trägt.
Es ist ein Anliegen der Schwesterngemeinschaft in Deutschland, die unterschiedlichen geistlichen und ökumenisch-missionarischen Erfahrungen aus Afrika, Asien und Deutschland auszutauschen und in die eigene Gesellschaft weiterzugeben. Das ist ihre Sicht christlicher Globalisierung, die zugleich ein Engagement gegen die Ausbeutung der wirtschaftlichen Globalisierung bedeutet.
Pastorin Elisabeth Schäffer ist Mitglied der Schwesterngemeinschaft in der Vereinten Evangelischen Mission und seit September 2007 deren Leiterin.