Abraham Kheibab über das Aidshilfe-Programm der ELCRN
Seit April ist Abraham Kheibeb in Deutschland zu Besuch. Der namibische Pfarrer ist Leiter des Anti-Aids-Programms (ELCAP) der Evangelischen Lutherischen Kirche in Namibia (ELCRN), der Mitgliedskirche der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) in Namibia. Das ELCAP beinhaltet breit angelegte Aufklärungs- und Bildungsmaßnahmen zum Thema Aids sowie Behandlung und Betreuung HIV-infizierter Menschen auf ehrenamtlicher Basis. Das Programm, das Pionierarbeit in Namibia geleistet hat, bietet ferner einen kostenlosen HIV-Test mit anschließender Beratung an. Pastor Abraham Kheibeb war zuvor Gemeindepfarrer in verschiedenen Teilen Namibias und hat sich, bevor er sich auf die Stelle des Koordinators bewarb, selbst von ELCAP als Trainer ausbilden lassen. Birgit Pfeiffer hat mit Herrn Kheibeb während seines Besuchs in Wuppertal gesprochen.
Herr Kheibeb, wie hat sich ELCP in den vergangenen Jahren – seit Beginn des Programms – entwickelt?
ELCAP hat als sehr kleines Programm angefangen, mit wenigen Mitarbeitern, als direkte Reaktion auf die Herausforderungen, vor die wir uns durch HIV und Aids gestellt sahen. Aids hat schon mehr Menschen das Leben gekostet als alle Kriege der Welt zusammen; da kommt der Tod durch das Schwert, die Kugel oder durch Atomkraft. Reiche Staaten investieren riesige Beträge in ausgeklügelte Sicherheitssysteme – aber die tödliche Wucht von Aids kommt durch die Fähigkeit des Virus, das menschliche Immunsystem zu zerstören. Eine mögliche Antwort darauf ist die Forschung nach einer Heilungsmöglichkeit. Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit, die einen Lichtstrahl in das Dunkel von Krankheit und Tod bringt, das sich auf jene richtet, die sich AIDS schon zugezogen haben: eine Antwort der Liebe.
Mit ELCAP fingen wir an der Basis an, dort wo wir uns gerade befanden, und sind Schritt für Schritt gewachsen. Inzwischen haben wir fünf Regionalbüros, das letzte wurde Anfang 2008 eröffnet. Unser Stipendienprogramm für Mädchen ist im Jahr 2006 an den Start gegangen – im Moment fördern wir 433 Mädchen, aber auch 100 Jungen, denn sie brauchen auch Unterstützung.
Ferner haben wir nun das so genannte Church in Business-Programm, in dessen Rahmen wir Bildungsarbeit in der Tourismusbranche und im Agrarsektor leisten; diese beiden Bereiche sind wichtige Einkommensquellen für Namibia. In beiden Bereichen machen wir Aufklärungskampagnen, wobei wir mit der Regierung und ihren Einrichtungen zusammen arbeiten, wie etwa dem Namibia World Life Resort. Wir bilden Männer und Frauen aus, die Farmen besuchen und dort die Menschen über HIV und Aids aufklären.
Ist Prostitution oder Sex-Tourismus ein Problem in Namibia?
Prostitution ist schon ein Problem, aber ein nicht sehr großes. Natürlich gibt es Prostitution – die in Namibia übrigens verboten ist. Namibia hat aber nicht solche großen Probleme wie andere Länder, was das betrifft. Das eigentliche Problem ist die soziale Ungerechtigkeit, die Menschen in die Armut treibt. Armut beraubt einen Menschen seiner menschlichen Würde und zwingt ihn dazu, unwürdige Dinge zu tun. Jemand, der solche Dinge erlebt, kann einem dann gar nicht mehr in die Augen schauen.
Denken Sie, dass das allgemeine Grundeinkommen, das jetzt als Pilotprojekt in Otjivero-Omitara läuft, hilft, die Armut zu verringern?
Ja, es geht darum, den Menschen etwas in die Hand zu geben. Wenn die Regierung und die Partner ihre Hand nach den armen Menschen ausstrecken, wird es ihnen helfen, sich aus der Armut zu befreien. Wir versuchen, den Menschen zu zeigen, wie man überleben kann. Alle Namibier haben ein Recht auf die Ressourcen des Landes. Es kann nicht angehen, dass man die richtigen Beziehungen haben muss, um einen Job zu bekommen.
Wir versuchen, den Leuten zuzuhören und schauen uns die Situation der einzelnen Leute an. Man darf nicht glauben, man wisse schon alles. Wir sind auch bereit, von den Leuten zu lernen. Sehen Sie - viele der größten Probleme auf der Welt werden nicht von ungebildeten, sondern von sehr gebildeten Leuten verursacht...
Sie begegnen den Menschen auf Augenhöhe...
Ja, wir sagen den Menschen: »Schau deinem Gegenüber in die Augen und sag ihm: ›Ich bin auch jemand.‹« Ich finde, wir sollten Menschen auch mehr berühren. Mit Menschen Kontakt aufzunehmen, sie buchstäblich zu berühren, kann eine sehr große Wirkung haben.
Was haben Sie sich vorgenommen als Koordinator des ELCAP?
Zunächst möchte ich das stärken, was bereits vorhanden ist, mit dafür sorgen, dass es weiter Wurzeln schlägt und in der Gesellschaft verankert wird. Ferner ist mir wichtig, dass die Menschen, die selbst mit HIV infiziert sind, Verantwortung für das Programm übernehmen und sich damit identifizieren. Wir möchten nicht, dass die Leute passiv da sitzen und Hilfe erwarten. Vielmehr wünschen wir uns, dass sie sagen: Es ist unser Programm – und wir helfen einander. Natürlich geht es uns auch darum, einen qualitativ hochwertigen Service anzubieten. Zum Beispiel bieten wir einen kostenlosen HIV-Test mit Beratung an und besuchen Menschen auch vor Ort. Wir haben insgesamt 600 Freiwillige, die sich ehrenamtlich für das Programm engagieren – sie bekommen kein Gehalt, aber eine kleine Aufwandsentschädigung. Ferner haben wir 18 Unterstützergruppen von Menschen, die selbst von Aids betroffen sind. ELCAP ist an der Basis sehr stark. Wir freuen uns übrigens, dass wir in naher Zukunft Einkommen schaffende Projekte starten: eine Bäckerei und einen Waschsalon. Der Erlös kommt dem Projekt zugute.
Arbeiten dort auch Menschen, die mit HIV infiziert sind?
Beides. In erster Linie schauen wir, dass wir Leute bekommen, die auf Zack sind. Ob sie mit HIV infiziert sind oder nicht, ist dann zweitrangig. Der Waschsalon ist übrigens auf dem Gelände des ehemaligen Hospitals der Rheinischen Mission. Wir fangen mit zwei Leuten an und wollen später noch mehr einstellen, je nachdem, wie es sich entwickelt.
Welche Erfahrungen haben Sie mit den deutschen Partnern?
Unsere deutschen Partner – und das finde ich sehr gut – sind sehr überzeugt von ELCAP. Sie identifizieren sich selbst mit dem Projekt. Anders als andere Partner, die ELCAP finanziell unterstützen, hören sie auf das, was wir Namibier wollen und versuchen nicht durchzusetzen, was sie selbst für das richtige halten. Wir sind gemeinsam auf dem Weg, und das ist gut so.
Die VEM unterstützt ELCAP mit 100.000 Euro im Jahr.
© VEM MMVIII