Porträt
Von Brunhild von Local
Elisabeth Schäffer ging noch nicht in die Schule, als die rheinischen Missionare im so genannten Heimatdienst ihre Neugier und ihre Sehnsucht nach der Fremde weckten.
Elisabeth Schäffer stammt aus einem bürgerlichen Dortmunder Pfarrhaus, wo seinerzeit die Missionare ein- und ausgingen.
Einmal sollte zu einem der Vorträge, so hieß es, ein Chinese mitkommen, erinnert sich die mittlerweile 61-Jährige. Einen Chinesen mit Zopf – dieses Bild hatte sie im Kopf, aber sie musste sich eingestehen, dass der Chinese ganz normal aussah. Enttäuscht sei sie damals schon gewesen, beteuert sie. Ihr Berufswunsch stand dennoch fest: Missionarin oder Missionsärztin wollte sie werden. Gleichwohl machte Elisabeth Schäffer, die neue Leiterin der Schwesterngemeinschaft innerhalb der VEM, erstmal eine klassische Buchhändlerlehre. Doch das Fernweh ließ sie nicht mehr los.
Das versucht die junge 24-Jährige zu stillen, indem sie die vertraute Umgebung verlässt und mit sehr viel Neugier im Gepäck in den Zaire – die heutige Demokratische Republik Kongo – reist. Dort arbeitet sie zwei Jahre in einem Mädcheninternat in Kinshasa. Ihr Arbeitgeber, der internationale christliche Friedensdienst Eirene, hatte ihr damals zugetraut, auch ohne pädagogische Ausbildung Erfahrungen zu sammeln, und Erfolge wie Misserfolge zu haben. Im Entwicklungsdienst im Kongo wurde für sie der Berufswunsch aus den Kindertagen eigentlich Wirklichkeit. Er hatte nur eine moderne Form angenommen, sagt sie. Dort reifte auch ihr Entschluss, Theologie zu studieren. Theologie deswegen, weil sie aus Afrika mit dem Wunsch zurückkam, zu zeigen, wie wichtig es ist, etwas für die Menschen in der Zweidrittelwelt zu tun. Etwa im ökumenischen oder diakonischen Bereich. Sie wollte unter keinen Umständen in der Gemeinde arbeiten. Sie sei ja schließlich in einem Pfarrhaus aufgewachsen und wisse, was das bedeutet, meint sie schmunzelnd.
Als sie im Sommer 1973 wieder in Deutschland ist, arbeitet sie zunächst als Personalreferentin bei Eirene, bereitet sich aber gleichzeitig für die Prüfung zur Zulassung zum Hochschulstudium ohne Reifezeugnis vor.
Zwei Jahre später fängt sie mit dem Theologiestudium an: in Bochum, Bonn und Göttingen. Und 1984 wird sie Gemeindepfarrerin in Herne. Eine Begegnung mit einem Pastorenpaar während ihres Studiums hatte ihre ursprüngliche Abneigung gegenüber dem Gemeindepfarramt geändert.
Im Oktober 1992 wechselt Elisabeth Schäffer in den Gemeindedienst für Weltmission und Ökumene. Viereinhalb Jahre hat die Regionalpfarrerin vom Missionshaus in Bethel die Anliegen der Weltmission und Ökumene insbesondere in den Kirchenkreisen Herford, Halle, Gütersloh und Paderborn der Evangelischen Kirche von Westfalen bekannt gemacht.
Anfang 1997 wird die Theologin als zweite Frau in der Geschichte der westfälischen Kirche als Superintendentin des Kirchenkreises Minden eingeführt.
Nach acht Jahren ist ihre Zeit im westfälischen Minden zu Ende, fortan ist sie als Pastorin für die Menschen im sauerländischen Menden da.
Das Interesse an dem Fremden und den Menschen ist ihr bis heute geblieben. Angefangen hat ihre Leidenschaft zu reisen und Menschen zu begegnen 1966. Ein Jahr lang hat sie für die »Aktion Sühnezeichen« in Nordfinnland gearbeitet und dabei ihre Liebe zu dem skandinavischen Land und seiner Sprache entdeckt. Heute versteht sie zwar sehr viel mehr als sie noch sprechen kann, aber es reicht, um mit den Menschen zu sprechen, meint sie lächelnd.
Die Vollblut-Ökumenikerin hat als Gast und auf eigene Kosten drei Vollversammlungen des Ökumenischen Rates der Kirchen besucht: Canberra (1991), Harare (1998) und Porto Allegre (2006). Reisen ist ihre Passion, einfach um Menschen zu begegnen: Als Superintendentin hat sie Kirchen in Indonesien und einen Abstecher nach China und Hongkong gemacht. Sie mag den Kontakt zu Menschen. Den hatte sie in Kamerun, Tansania und Simbabwe, Peru und Nicaragua. Zeit haben für Menschen und ihnen zu begegnen – das ist nicht nur Teil ihre Berufes, das schätzt sie auch privat. Sprache spielt da keine Rolle. Neben Französisch spricht sie noch Englisch und Finnisch.
Seit September 1997 ist Elisabeth Schäffer auch Mitglied der VEM-Schwesterngemeinschaft und seit Anfang des Jahres deren Leiterin. Gemeinsam mit zwei VEM-Schwestern organisiert sie gerade eine Urlaubsreise für die Schwesterngemeinschaft nach Finnland. Den Kontakt zu den finnischen Diakonissen vor Ort hat sie bereits aufgenommen. Ökologisch werden sie reisen, sagt Elisabeth Schäffer stolz. Urlaub mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Mit Fähre und Bus. Und: was ihr vor allem wichtig ist, den Alltag der Menschen erleben.
Aber als ausgebildete Buchhändlerin schätzt sie auch das gedruckte Wort. Fachliteratur und Kriminalromane. Am liebsten liest sie Krimis, in denen auch Hintergrundwissen vermittelt wird. Etwa Harry Kemelman. Er sei der erste gewesen, der Sachwissen über das Judentum in seine Kriminalromane hat einfließen lassen. Privat fährt sie gerne Fahrrad. Richtig traurig ist sie, dass es am Rande des Sauerlandes so buckelig ist. Am Berg fahren sei jetzt nicht mehr ihr Ding, sagt die rüstige Theologin. Seit 15 Jahren strampelt sie einmal im Jahr eine Woche lang 60 bis 80 Kilometer täglich. Übernachtet wird in Jugendherbergen. Die Hauptsache ist, an der frischen Luft zu sein.
Und ihre Visionen für die Schwesterngemeinschaft? Die Schwesterngemeinschaft sei ja eigentlich eine ganz ungewöhnliche Gemeinschaft. Kein Mutterhaus, und das Schwesterheim sei ja immer nur eine »Heimat auf Zeit«. Etwa während des Heimaturlaubs oder solange man sich in Deutschland einen neuen Arbeits- und Lebensraum suchte, meint sie. Andere Gemeinschaften haben ein Mutterhaus oder ein Zentrum im sehr viel stärkeren Sinne, als das Hester Needham-Haus bislang bot.
»Das, was die VEM-Schwesterngemeinschaft ausmacht, ist der ökumenische Hintergrund, der eigentlich eine Bewegung ist: die Schwestern werden zum Dienst nach Afrika oder Asien entsandt, um auch dort oft an unterschiedlichen Stellen zu arbeiten. Im Matthäus-Evangelium (Matthäus 8,20ff) steht ein Satz zur Nachfolge Jesu, der sehr passend ist: ›Die Füchse haben Gruben und die Vögel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.‹ Die meisten Schwestern haben ein Stück dieser Bewegung erfahren, denn sie haben einen großen Teil ihres Lebens an unterschiedlichen Orten gearbeitet. Sie waren nicht obdachlos, sie hatten ein Dach über dem Kopf, aber sie mussten häufig Wohnort, Umfeld, Freundschaften, Kolleginnen und Arbeitsplatz wechseln.
»Was uns verbindet ist auch eine geistliche Praxis. Wir lesen täglich die Bibel und haben eine gemeinsame Gebetsordnung«, betont sie. Elisabeth Schäffer möchte die bereits vorhandenen Angebote wie Zeiten der Stille, Bibelarbeiten, Urlaubsgemeinschaften noch weiter ausbauen.
»Wir Schwestern hatten einen Traum. Wir wollten als eine kleine Gemeinschaft im Hester Needham-Haus zusammen leben. Aber wir haben nicht so viele sofort dafür begeistern können«, sagt sie etwas wehmütig. Elisabeth Schäffer ist Realistin genug, um die Schließung des Hester Needham-Hauses aus wirtschaftlichen Gründen zu akzeptieren. Im Frühjahr fangen die Umbauarbeiten im Schwesternheim an. Wenn die neuen Mieter vom Verein, »Lebendiges Wohnen an der Wupper«, einziehen, ist kein Platz mehr da für den Traum einer Schwesterngemeinschaft. Etwa gemeinsame Tagungen und dergleichen. Für die fünf Schwestern, die zurzeit dort wohnen, ändert sich allerdings nichts. Auch das gemeinsame Wohnzimmer bleibt ihnen erhalten. Für die Schwestern heißt es jetzt Abschied nehmen. »Ein schmerzlicher Abschied zwar, aber auch eine Chance für die Zukunft und vielleicht ja auch ein Gewinn. Es gibt keinen Abschied, der nicht auch neue Freiheiten bietet«, meint sie optimistisch.
veröffentlicht in: In die Welt für die Welt/Frauenleben 2/2008, S.22f.Vervielfältigung nur in Abstimmung mit der Vereinten Evangelischen Mission
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