Reisetagebuch von Claudia Währisch-Oblau (2)
26.02.08/II | Choi Wan Estate.
In Deutschland würde man diese Siedlung einen sozialen Brennpunkt nennen. 40.000 Menschen leben hier in Sozialwohnungen, haben maximal 50 Quadratmeter für eine vier- bis sechsköpfige Familie. Zehn und mehr Wohnungen pro Stockwerk, 20 Stockwerke hoch. 17.000 Jugendliche zwischen 6 und 24 Jahren leben im Estate.
Hier betreibt die Chinese Rhenish Church (CRC), eine Mitgliedskirche der Vereinten Evangelischen Mission, zwei große Jugendzentren. Die schlichten Räume bieten einiges an Möglichkeiten: Computerräume, zwei Tanzstudios, ein Aufnahmestudio, Seminarräume, Innenspielplatz, eine kleine Bibliothek, Studierräume, ein Jugendcafé. 26 engagierte Sozialarbeiter kümmern sich um die Jugendlichen.
Ray und Cora, zwei von ihnen, erzählen uns von ihrer Arbeit. Von der wachsenden Anzahl an "unattached youth", bindungslosen Jugendlichen. "Sie haben keine Beziehung mehr zu ihren Eltern oder Verwandten. Sie haben keine Freunde. Sie gehen nicht zur Schule, sie haben keine Arbeit. Sie verbringen den ganzen Tag mit Spielen im Internet, immer allein vor dem Bildschirm." (Ein eigenes Zimmer haben Jugendliche im Choi Wan Estate in aller Regel nicht, dafür gibt es zu wenig Platz.) Eltern oder Schule informieren das Jugendzentrum, und die Sozialarbeiter versuchen dann, zu diesen Jugendlichen Kontakt aufzubauen. Außerdem bieten sie den Eltern Erziehungsberatung an.
Den wachsenden Druck auf die Kinder und Jugendlichen spüren sie direkt. „Wir sehen immer mehr Jugendgewalt und Vandalismus“, erklärt Cora. „Oft reichen schon Kleinigkeiten, und es gibt eine Schlägerei.“ Drogenkonsum und Raubüberfälle nähmen ebenso zu wie psychische Störungen. Und schon Achtjährige kämen häufig mit Designerdrogen in Kontakt.
Die Jugendzentren der CRC in Choi Wan werden im Wesentlichen durch staatliche Gelder finanziert. „Das geht, obwohl doch Hongkong inzwischen zur Volksrepublik China gehört?“, frage ich. Ray lacht. „Die Christen machen gute Sozialarbeit, das wird hier anerkannt. Und außerdem – in der Hongkonger Regierung arbeiten Christen in vielen hohen Positionen mit. Und diese Christen sind nicht nur passive Kirchenmitglieder, sondern richtig aktiv in ihren Gemeinden.“
Die beiden Zentren im Choi Wan Estate sind ein Beispiel für die christliche Präsenz in Hongkong. Direkt unter den Räumen des einen Zentrums hat die CRC ein weiteres Stockwerk gemietet. Hier finden sich Büros und Versammlungsräume der kleinen Kirchengemeinde, die um das Jugendzentrum herum entstanden ist. 20 Mitglieder einer benachbarten CRC-Gemeinde haben sich vor 10 Jahren hierhin aufgemacht und die Gemeinde gestartet. Inzwischen ist sie auf rund 100 Mitglieder angewachsen. Betreut wird sie von zwei Hauptamtlichen, einem Evangelisten und einer Evangelistin. Stolz zeigen uns die beiden die Gemeinderäume. In der Woche wird das Stockwerk in drei Räume unterteilt, so dass gleichzeitig verschiedene Kurse und Gruppen stattfinden können. Sonntags morgens räumen Freiwillige die Trennwände und Tische an die Seite. Hinter einem Vorhang kommen ein Altar und ein Rednerpult zum Vorschein – fertig ist die Kirche. Sie hat, wenn es hochkommt, 100 Quadratmeter. Ich stelle mir vor, dass es da ziemlich eng wird, und im Sommer sehr heiß und stickig.
Claudia Währisch-Oblau, Referentin für Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), ist seit Ende Februar in China unterwegs, um Gemeinden und Partner der VEM zu besuchen. Von 1985-1997 war sie selbst Mitarbeiterin des nichtstaatlichen Hilfswerks Amity Foundation in Nanjing und Hongkong. Hier sind Auszüge aus ihrem Reisetagebuch.
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