Reisetagebuch von Claudia Währisch-Oblau (6)
2.3. | Mu'en-Kirche
Gottesdienst in der Mu'en-Kirche. Ein denkmalgeschützter roter Ziegelbau aus dem späten 19. Jahrhundert, direkt am Großen Platz des Volkes. Ringsherum Kaufhäuser, schicke Hotels, gegenüber das hypermoderne Opernhaus und das Shanghai Museum.
Ich bin eine Viertelstunde vor Gottesdienstbeginn da und finde nur noch mit Mühe einen Platz. Mehr als tausend Leute drängen sich in den eng gestellten Bänken und füllen alle die Klappstühle, die in den Seitengängen und hinter den Säulen stehen.
Die Intensität, mit der in China Gottesdienst gefeiert wird, bewegt mich jedes Mal wieder neu. Während der Chor sein Eingangslied singt („Gott ist in seinem heiligen Tempel“), beten die Menschen um mich her leise murmelnd.
Durch den Gottesdienst führt eine Pastorin im schwarzen Talar, die Predigt hält ein Pastor. Johannes 9 ist heute Thema, die Heilung des Blindgeborenen. Doch der Prediger spricht nicht über Heilung, sondern darüber, wie Gottes Licht Menschen hilft, sich selbst mit allen ihren dunklen Seiten zu erkennen und anzunehmen.
Anschließend wird Abendmahl gefeiert. Oblaten und Einzelkelche werden unter den Sitzenden verteilt. Das dauert lange. Ich höre, wie eine Austeilerin den jungen Mann neben mir fragt, ob er getauft sei. Erst als er das bestätigt, bekommt er das Abendmahl.
Nach dem Gottesdienst leert sich die Kirche nur zögernd. Hunderte von Menschen sitzen noch in den Bänken. Sie reden in kleinen Grüppchen, manche beten zusammen. Andere strömen nach vorn und knien an der Altarschranke nieder, um dort zu beten. Weil der Platz nicht für alle reicht, stehen viele an und warten, bis jemand aufsteht.
Unter den Gottesdienstbesuchern waren offensichtlich auch (chinesische) Touristen. Sie stehen jetzt im Mittelgang und lassen sich vor dem Altarraum im Hintergrund fotografieren. Das scheint die Betenden weiter vorn nicht zu stören.
Ich sitze in meiner Bank und beobachte das Treiben. Wie ein älterer Mann, der in der Bank betet, plötzlich unwillig aufsteht und der hinter ihm sitzenden, laut telefonierenden Frau sagt, sie solle doch bitte leiser sein. Wie ein schicker junger Mann in die Kirche kommt, zielstrebig nach vorn geht, niederkniet, einige Minuten betet und die Kirche wieder verlässt. (Er verhält sich so, wie Chinesen sich in buddhistischen oder daoistischen Tempeln verhalten. Man bringt sein Anliegen, und dann geht man wieder.) Oben auf der Empore sitzt immer noch der junge Klavierspieler, der den Kirchenchor begleitet hat. Er nutzt die Chance zum Üben. Die perlenden Klangkaskaden aus Chopins zweitem Klavierkonzert und eine Mozart-Sonate mischen sich mit dem Gebetsgemurmel und den Gesprächen.
Links von mir steht eine Gruppe von Frauen in der Bank zusammen und redet. Dann fangen sie an zu singen – das Klavierspiel ignorieren sie einfach. Schließlich beginnt eine junge Frau, laut zu beten. Ich verstehe nicht alles. Aber ich höre, dass von einem kranken Kind die Rede ist, und davon, dass es angeblich kaum noch Hoffnung gebe. Und ich höre, dass Gott doch Macht habe, diesem Kind zu helfen. Die junge Frau betet inbrünstig und wird immer lauter. Andere im Kirchenschiff werden aufmerksam, kommen herüber und stellen sich zu der Gruppe, um leise mitzubeten. Lange steht die Gruppe zusammen und löst sich erst zögernd auf.
Und immer noch knien vorne Männer und Frauen. Junge und Alte habe ich in diesem Gottesdienst gesehen; Menschen in ärmlicher Kleidung und elegante, wohlhabende. Die Stadtkirchen in China sind einer der wenigen Orte, wo sie noch zusammen kommen.
Claudia Währisch-Oblau, Referentin für Evangelisation der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), ist seit Ende Februar in China unterwegs, um Gemeinden und Partner der VEM zu besuchen. Von 1985-1997 war sie selbst Mitarbeiterin des nichtstaatlichen Hilfswerks Amity Foundation in Nanjing und Hongkong. Hier sind Auszüge aus ihrem Reisetagebuch.
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