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Artikel

11.05.2020

Die Mission in Zeiten der Pandemie

Schwester Clara Zenker und Hanna Quisdorp mit Schülerinnen in Laguboti, Indonesien;

Missionar Finke mit seiner Familie (1921, Indonesien);

Die Missionsschule Tulbagh Road; Fotos: © AMS

Geschichte wiederholt sich nicht. Und doch gleichen sich manchmal die Bilder und die Prüfungen für die Menschen ihrer jeweiligen Epoche.

Vor genau 100 Jahren traf die damals oft noch jungen Gemeinden, die später zu den Mitgliedskirchen der VEM wuchsen, schon einmal eine Pandemie. Die sogenannte Spanische Grippe verbreitete sich weltweit. Wahrscheinlich etwa 500 Millionen Menschen erkrankten, bis zu 50 Millionen starben an der Infektion mit dem Virus.

Nicht nur in Europa und Deutschland forderte die Krankheit in den Jahren von 1918 bis 1921 viele Menschenleben. Auch in den ehemaligen Missionsgebieten der Rheinischen Missionsgesellschaft und der Bethel Mission in Afrika und Asien griff die Krankheit um sich. Und die jungen christlichen Gemeinden - ob in Namibia, Tansania oder Indonesien -  mussten mit den Auswirkungen dieser Pandemie umgehen, sich den Herausforderungen stellen.

Wir haben die aktuelle Situation zum Anlass genommen, einmal in den Akten und Berichten der Archiv- und Museumsstiftung der VEM nachzuforschen, wie über die Situation damals berichtet wurde.

Die folgenden Auszüge aus Berichten, die Deutschland in diesen Jahren aus Indonesien, Namibia, Südafrika und Ruanda erreichten, erwecken manchmal den Eindruck, sie könnten in den vergangenen Tagen und Wochen verfasst worden sein – nicht nur in der Schilderung der Ängste und des Leidens, mit denen die Gemeindemitglieder, ihre Missionare, Missionarinnen und Missionsschwestern konfrontiert waren, sondern auch was die tatkräftige Hilfe betrifft, die angesichts der Krise wo immer möglich all jenen geleistet wurde, die sie besonders dringend benötigten.

Schwester Clara Zenker berichtete aus der Schule in Lagoboti, Sumatra, 1919

„Wir gedachten im August und September unter günstigeren Umständen arbeiten zu können, aber da wurde es noch schlimmer. Die Spanische Krankheit hielt ihren Einzug. Sie trat zwar das erste Mal nur sehr leicht auf, aber die Eingeborenen haben in ihren Häusern so wenig Schutz gegen die Nachtkälte. Ihre dünnen Kleider nützen wenig, denn die erbärmlichen Stoffe, die jetzt auf den Markt kommen, fallen den Leuten oft schon nach der ersten Wäsche in Lumpen vom Leibe. So zog sich die Krankheit meist sehr in die Länge. Von Dorf zu Dorf gehend, sah man überall ein Bild des Jammers neben dem andern. Im Oktober schien es zunächst etwas besser zu werden, aber dann setzte die Krankheit um so schlimmer wieder ein und nahm immer gefährlichere Formen an. Wie oft hörten wir, wenn ein Kind nach langer Zeit wieder zur Schule kam: „Brüderchen tot, Mutter tot, Schwesterchen krank, ich selber krank.“ Und die schmalen, fast weiß gewordenen Backen und die tiefliegenden Augen bestätigten die Wahrheit nur allzu nachdrücklich. Trotzdem konnten wir unsere Schar doch bis Ende Januar zusammenhalten und noch einen würdigen Schulabschluß begehen.“

Und von der Küste aus Padang schreibt Missionar Finke:

„Das letzte Jahr war reich an Leid. Wie oft habe ich unter all der Trauer geseufzt, die die Influenza auch hier brachte. Es verging wohl kein Tag, das nicht Leute zu mir kamen, um Medizin zu holen, meistens war es aber schon zu spät. Hier in Padang starben 40-50 Menschen täglich an der furchtbaren Krankheit; meistens waren es Malaien und Chinesen. Die Leute trugen aber oft selbst Schuld an dem traurigen Ausgang der Krankheit. Sobald das Fieber gewichen war, gingen sie in den Fluß, um zu baden, wodurch der Rückfall eintrat, begleitet mit Lungenentzündung; innerhalb einiger Stunden war der Kranke tot. Ich habe unter den Niassern aufklärend gearbeitet, ihnen verboten, zu baden, sie in wollene Tücher eingepackt, und Asperin gegeben. Nach einer Woche waren die Leute wieder auf den Beinen. Mein Evangelist in Padang hatte sehr unter der Influenza zu leiden. Er erholte sich nur sehr langsam, doch ist er heute wieder ganz wohl. Aus der hiesigen Gemeinde ist niemand an der Influenza gestorben, auf dem Filial Goengei boeloe nur vier Personen. Dem barmherzigen Herrn sei Preis und Dank für seine Durchhülfe.“

Im gleichen Jahr wird aus dem Norden Namibias berichtet:

„In Tsumeb starben in der Nacht vom 1. Auf den 2. November Missionar Lang und Frau an der Grippe. Die Grippe hat in Südwest-Afrika schrecklich gewütet und viele Opfer gefordert. Auch verschiedene der rheinischen Missionare sind heftig erkrankt, aber mit Ausnahme von Missionar Lang und Frau wieder genesen.“

Aus dem Süden Namibias (Lüderitzbucht) schreibt dagegen Missionar Skär:

„Wir sind noch alle gesund, hatten immer auch das nötige zum Leben und auch viele schöne Arbeit. In diesem Jahre (1918) durfte ich 605 Ovambo taufen. Über 1500 bekamen bei ihrem Weggang Bescheinigungen, das sie den Unterricht besucht haben.“

Und aus Südafrika berichtet Missionar Holzapfel:

„In der Kap-Kolonie, wo die Grippe ganz besonders heftige Verwüstungen angerichtet hat, ist sie auch wieder erloschen. […] Missionar Holzapfel in Tulbagh schreibt über die Krankheitszeit in seiner Gemeinde und Familie noch folgendes: Die letzte Zeit ist hier sehr schwer gewesen. Seit Anfang Oktober herrscht im Lande eine schwere Influenza-Epedemie. Auch hier in Tulbagh ist sie sehr heftig aufgetreten. Die meisten meiner Gemeindeglieder sind krank gewesen. Nur ganz wenige Familien sind verschont geblieben. Ungefähr 30 Personen sind in den letzten 6 Wochen in der Gemeinde gestorben, abgesehen von vielen anderen, die nicht zur Gemeinde gehören. Ich bin von Haus zu Haus gegangen und von Grab zu Grab. Schließlich kam die Krankheit auch in mein Haus. Meine Familie zählt mit den Diensboten 12 Personen. Von denen waren 10 krank und fast alle zugleich. Dazu brach noch eins der Kinder den linken Arm. Gott sei Dank bin ich selbst gesund geblieben, abgesehen von einem kleinen Unwohlsein, das in wenigen Tagen vorüber war. So habe ich meine Lieben doch pflegen können und in der Gemeinde auch viel geholfen. Wir haben in Tulbagh als auch in Steintal Suppenküchen eingerichtet, um für die Ärmsten zu kochen. Inzwischen sind in meinem Hause wieder alle wohl. Meine Frau kann wieder den Haushalt führen und die Kinder gehen wieder zur Schule. Auch in der Gemeinde geht es besser, obschon die Krankheit noch nicht erloschen ist.

Das Gemeindeleben hat natürlich sehr gelitten in dieser Zeit. Die Sonntagmorgengottes-dienste wurden nur sehr schwach besucht und die Abendgottesdienste waren alle eingestellt. Die Schulen waren sechs Wochen geschlossen. Erst letzten Montag haben wir wieder einen Anfang gemacht. Das hl. Abendmahl konnte im Oktober nicht gehalten werden, wir hoffen indessen, es in den nächsten Wochen feiern zu können. Möchte die schwere Zeit der Gemeinde nur auch zum ewigen Segen gewesen sein! Bei jeder Gelegenheit habe ich auf die ernste Stimme und den kräftigen Arm Gottes hingewiesen, 2. Sam. 24, Ps. 91, Jerm. 30, Offenb. 6 und 9 boten passende Texte.“

Aber auch die Missionsgebiete der Bethel Mission waren betroffen. Aus Ruanda wird von der Missionsstation Kirinda noch 1921 berichtet:

„Dann [gemeint ist hier: nach dem 1. Weltkrieg] kam der Hunger, die Grippe und außerdem die Pocken.“

Christoph Schwab, Kurator der Archiv- und Museumsstiftung der VEM, www.amsdervem.de

Quellen:

Des Meisters Ruf, verschiedene Monatshefte 1919.

Mensching, W.: Religion, Rasse, Kolonien. Ein Beitrag zur Kolonialfrage. Berlin 1929.

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