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14.09.2020

„Darf Kirche das?“

Das Hybridseminar mit 17 Zoom- und 20 Präsenzteilnehmenden (Foto: Julian Elf/VEM)

Die Internationale Diakonie der VEM lud am 9. September 2020 in Kooperation mit dem Institut für Diakoniewissenschaft und DiakonieManagement (IDM) der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel und der Diakonie RWL zu einem Studientag ein, der sich mit dem Recruiting von Pflegefachkräften am Beispiel der Philippinen beschäftigte.

Aktueller Pflegenotstand in Deutschland mit internationalen Folgen

Der aktuelle Notstand der Pflegenden in Deutschlands Krankenhäusern und Altenpflegeheimen bedroht nicht nur die Versorgung von kranken und alten Menschen, sondern fordert dem vorhandenen Personal ein großes Maß an Engagement ab, das auf Dauer sehr belastet. Die aktuellen Maßnahmen und Versprechen des Gesundheitsministeriums sind in Anbetracht des riesigen Pflegebedarfs heute und in Zukunft ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Anwerben von Pflegefachkräften aus dem Ausland ist deshalb für viele diakonische Einrichtung bereits jetzt überlebenswichtig. Fachkräfte aus den Philippinen stehen dabei nach wie vor hoch im Kurs.

Was aber bedeutet der Schritt ins Ausland für die philippinischen Pflegefachkräfte und ihre Familien? Welche Auswirkungen hat die Arbeitsmigration auf die Wirtschaft und die Gesundheitsversorgung des Herkunftslandes? Passt die Ausbildung der philippinischen Pflegekräfte in den deutschen Arbeitskontext oder wäre eine Ausbildung in Deutschland eine sinnvolle Alternative?

Deutsch-philippinischer Expertenaustausch

Der Studientag suchte gemeinsam mit Fachleuten aus den Philippinen und Deutschland nach Antworten auf diese Fragestellungen. Dabei wurde versucht, Kriterien für ein ethisch vertretbares und faires Recruiting von Pflegepersonal und die notwendigen Rahmenbedingungen für eine gelungene Integration zu ermitteln. Vor diesem Hintergrund diskutierten Vertreterinnen und Vertreter der drei größten diakonischen Arbeitgebern Deutschlands wie der Diakonie, dem Johanneswerk und den von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel gemeinsam mit den Experten von Dachorganisationen aus Berlin wie dem Zentrum für Migration und Soziales der Diakonie Deutschland und Brot für die Welt und mit den leitenden Verantwortlichen lokaler diakonischer Werke und von Pflegeschulen und professionellen Recruiting-Agenturen aus Berlin und Süddeutschland über ihre Erfahrungen.

Inhaltlich profitierte das Seminar von der Vielseitigkeit der Teilnehmenden und der Diversität ihrer Perspektiven. Die Diskussion beschränkte sich dabei nicht nur auf die anwesenden Arbeitgeber*innen und Expert*innen aus Deutschland, sondern auch die per Zoom hinzugeschalteten philippinischen Pflegefachkräfte aus Deutschland sowie eine Professorin für Pflegewissenschaften und Dekaninnen von Pflegeschulen in den Philippinen kamen per Live-Schaltung zu Wort. Die Zusammenfassung der Ergebnisse einer Masterarbeit über die Herausforderung für die Reintegration von Pflegekräften, verfasst von Priscilla Pascua-Quezon, einer vormaligen VEM-Mitarbeiterin aus den Philippinen, wurde per Toneinspielung in die Gesprächsrunde mit eingebracht. Die Geschäftsführerin des Philippinenbüros, Mirjam Overhoff, wies zudem auf die sozio-ökonomischen Auswirkungen des globalen Recruiting auf die Philippinen hin.

Ethische Kriterien für das Personalrecruiting am Beispiel der Philippinen

Die große ethische Frage "darf Kirche das?" half Prof. Dr. Thoesten Moss vom IDM der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel zu sortieren. „Dabei wurde deutlich, dass es nicht unser Thema sein kann, die individuelle Lebensentscheidung einzelner Pflegekräfte in den Philippinen moralisch zu hinterfragen, dass es aber wohl die Aufgabe von Kirche ist, für transparente Informationen, faire und gute Lebens- und Arbeitsbedingungen zu sorgen und zugleich eine Gesamtverantwortung wahrzunehmen, die auch die Gesundheitsversorgung in den Philippinen im Blick behält,“ so Pfarrer Matthias Börner, der als Leiter der Internationalen Diakonie der VEM die Veranstaltung inhaltlich und organisatorisch verantwortete.

Die vorgestellten vielschichtigen Perspektiven halfen dabei, die Verpflichtungen der Kirche beim Recruiting von dringend benötigten Fachkräften für eigene diakonische Pflegeeinrichtungen zu beleuchten und nach ethischen Kriterien des Recruitingprozesses zu fragen. Dabei wurde deutlich gemacht, dass neben einer sehr guten Vorbereitung mit Blick auf die Kultur, Sprache und die Erwartungen auch eine intensive Begleitung bei der Integration vor Ort notwendig ist. Ein wichtige Rolle spielen hierbei die enge bilaterale Zusammenarbeit im Rahmen von persönlichen Beziehungen zwischen den künftigen Arbeitgebern und den Pflegeschulen sowie eine durchgängig hohe Transparenz der Arbeitsbedingungen und der Lebenssituation in Deutschland. Für das Wohlbefinden der Pflegekräfte wird ein spirituelles Angebot samt Begleitung sowie die enge Anbindung an die Familie, ggf. durch den Familiennachzug als ebenso zentral angesehen.

Hybridseminar lädt zur Partizipation ein

Passend zur Vielfalt des Teilnehmendenkreises erlaubte das Hybridformat der VEM-Bildungsveranstaltung den 17 Zoom- und 20 Präsenzteilnehmenden im VEM-Büro in Bielefeld-Bethel zahlreiche Partizipationsmöglichkeiten. Dies gelang durch den Einsatz von Chatfunktionen bei Zoom und Tweedback. Dabei wurden alle Fragen und Anmerkungen digital eingebracht, anschließend von zwei Anwälten des Publikums geclustert und nach jedem Vortrag zur Diskussion gestellt. Toneinspieler, Powerpoint-Präsentationen und Live-Zoom-Interviews sowie eine Gesprächsrunde zum Seminarabschluss boten sowohl den Präsenz- als auch den Zoom-Teilnehmenden die Möglichkeit, die Diskussion zu jedem Zeitpunkt aufmerksam zu verfolgen und für alle sicht- und hörbar aktiv zu mitzugestalten.

Kirche darf nicht nur, sondern muss sich zu der Realität internationaler Recruitingprozesse in der Diakonie verhalten, gerade weil sie nach ethischen Kriterien fragt. Nicht zuletzt bietet Kirche als Arbeitgeberin und Vermittlerin einen für viele Pflegekräfte aus den Philippinen höchst relevantes Alleinstellungsmerkmal: Sie kann ein wichtiges spirituelles Zuhause in der Fremde bieten.

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