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27.02.2019

Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens in Indonesien

Die indigene Bevölkerung in West-Papua schaut skeptisch in die Zukunft.

Begrüßungstanz der Papua am Setani-See.

VEM-Moderator, Willem Simarmata, aus Nord-Sumatra trifft auf seine Landsleute in Westpapua. (Fotos: Marion Unger)

Die Delegation trifft Religionsminister Lukman Hakim Saifuddin in Jakarta (Foto: PGI).

Eine ökumenische Delegation des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) besuchte vom 15. bis 22. Februar Indonesien. Daran beteiligt waren auch fünf Mitglieder des Rates der Vereinten Evangelischen Mission (VEM), darunter der Moderator Willem Simarmata von der größten evangelischen Kirche Indonesiens, der Huria Kristen Batak Protestan, die Vizemoderatoren Abednego Keshomshahara (Nordwest-Diözese der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Tansania), Ulrich Möller (Evangelische Kirche von Westfalen), die Ratsmitglieder Reuel Marigza (Vereinigte Kirche Christi in den Philippinen) und Marion Unger (Evangelische Kirche im Rheinland) sowie Jochen Motte für den Vorstand der VEM. Auf dem Programm standen mehrere Begegnungen in den Provinzen Papua und Papua Barat, wo es zunehmend zu Gewalt und Diskriminierung gegenüber indigenen Einwohnern gekommen ist, wie kürzlich in einer gemeinsamen Erklärung von fünf UN-Mandatsträgern im Bereich Menschenrechte beklagt wurde.

Die Delegation wollte mit ihrem Besuch Solidarität beweisen und Mitgliedskirchen sowie verbundene Organisationen zu mehr Engagement für Gerechtigkeit und Frieden in Indonesien ermutigen. Als Teil des „Pilgerwegs der Gerechtigkeit und des Friedens“ des ÖRK konzentrierte sich der Besuch auf Themen wie Religionsfreiheit und interreligiöses Zusammenleben in Indonesien sowie die Menschenrechtssituation in Papua. Gastgeber waren die Gemeinschaft indonesischer Kirchen (PGI) und die Evangelisch-Christliche Kirche in Tanah Papua (GKI-TP).

Delegationsmitglieder besuchten Kirchen und ihre muslimischen Partner in Surabaya, wo im Mai 2018 Selbstmordanschläge verübt worden waren. Sie begrüßten die außergewöhnliche interreligiöse Solidarität zwischen den Gemeinschaften, die sie dort vorfanden. In einer Begegnung mit Religionsminister Lukman Hakim Saifuddin drückten die Delegationsmitglieder allerdings auch ihre Besorgnis über die nach wie vor hohen Fallzahlen von Strafverfolgungen unter dem indonesischem Blasphemiegesetz aus sowie über die Tatsache, dass das Gesetz über religiöses Zusammenleben von 2006 dazu benutzt werde, religiöse Minderheiten zu marginalisieren.

Die Mitglieder der Delegation waren bestürzt, als sie von fast all ihren Gesprächspartnern erfuhren, wie ernst deren Probleme nach wie vor sind. Dr. Jochen Motte, stellvertretender Generalsekretär der VEM, sagte: „Als jemand, der schon 1999 an einem ÖRK-Besuch hier teilgenommen hat, stimmt es mich traurig, dass die damals in dem Bericht genannten Probleme immer noch fast dieselben sind und dass der besondere Autonomiestatus die Erwartungen der Papua nicht erfüllen und die Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen nicht beenden konnte.“

Das Gesetz über die besondere Autonomie wurde 2001 verabschiedet und sollte den Papua ermöglichen, ihre eigene politische, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung innerhalb der Republik Indonesien in die Hand zu nehmen, aber fast alle papuanischen Gesprächspartner der Delegation – lokale Regierungsvertreter eingeschlossen – betrachten diese Autonomie als gescheitert und beklagen, dass die wichtigsten Elemente nicht umgesetzt worden seien. Die Delegation nahm besorgt zur Kenntnis, dass aufgrund von Migration und demographischen Veränderungen die indigenen Papua inzwischen eine Minderheit in ihrem eigenen Land darstellen. Landgrabbing, Umweltschäden und eine zunehmende Zerstörung der Wald- und Flussressourcen, die traditionell die Lebensgrundlage der Papua bilden, wurden in den Gesprächen häufig genannt. Das vorherrschende Entwicklungsmodell in der Region sei für andere, nicht für uns. Dr. Emily Welty, stellvertretende Vorsitzende der ÖRK-Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten, stellte fest: „Die Papua scheinen in allen Lebensbereichen systematisch marginalisiert und ausgegrenzt zu werden.“ 

Stimmen von VEM-Vertretern über ihre Reiseeindrücke in Papua

Bischof Abednego Keshomshahara, Vizemoderator Region Afrika der VEM, reiste mit einer Gruppe des WCC Pilgrim Team Visit in die Region Wamena nach Papua. Der thematische Schwerpunkt lag auf der ländlichen Entwicklung sowie der andauernden gewaltsamen Verletzung der Menschenrechte. „Ich habe Menschen getroffen, die geweint und geklagt haben“, berichtet er. Allzu lange schon dauern die willkürlichen Verhaftungen und das Töten an. Opfer sind vor allem die indigenen Papua. „Sie haben kaum Zugang zu angemessener Bildung und zu gesundheitlicher Versorgung. Sie leben in ständiger Angst und fühlen sich von den vielen Migranten aus allen Teilen Indonesiens an den Rand gedrängt.“ Ihre Schilderungen stehen im Gegensatz zu der offiziellen Sprachregelung von Behörden und Sicherheitsorganen sowie der Militärs.

Viele betrachten sich als Opfer der Auseinandersetzungen zwischen den Kämpfern für die Unabhängigkeit Papuas und der Regierung. Sie fühlen sich auch verwirrt und innerlich zerrissen. Einige wollen weiterhin ihre traditionelle Lebensweise beibehalten, andere sich auf die Entwicklung hin zur modernen Gesellschaft einlassen. Hilfe wäre möglich durch die verstärkte Ausbildung von Lehrern aus der indigenen Bevölkerung. Jungen Menschen sollten Stipendien angeboten werden. Empowernment ist dringend erforderlich, damit die Menschen Zugang zur Wirtschaft bekommen.

Bischof Reuel Norman Marigza, Vizemoderator der Region Asien der VEM, war Teil der Jayapura-Gruppe mit dem Fokus auf dem Recht der freien Meinungsäußerung sowie dem Recht auf gesundheitliche Versorgung. „Es wurde uns das Schicksal einer schwer kranken Frau geschildert, der von mehreren Krankenhäusern und Gesundheitszentren der Zugang verweigert wurde.“ Es mangelt an Medikamenten, während große Mengen davon an manchen Orten gehortet werden, bis sie das Haltbarkeitsdatum überschritten haben. Die Rate an HIV/AIDS-Infektionen ist unter den Papua sehr hoch und steigt ständig: Unter 1000 Papua sind 300 infiziert (geschätzt). Womöglich ist die Dunkelziffer noch höher, denn aus Angst vor dem Stigma verschweigen viele die Krankheit. „Wir müssen an die Regierung appellieren, dass die Menschen auf dem Land besser versorgt werden.“ So der Appell auch an die UN und die deutsche Regierung.

Ein Mann saß elf Jahre im Gefängnis, weil er die Morgenstern-Flagge, das Symbol für ein gewünschtes selbstständiges Papua, getragen hatte. „Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sind überall präsent“, erklärt Marigza und sieht als Symbol dafür einen schwarzen Weihnachtsbaum, den eine Gemeinde der GKI als ihren Hilferuf an die Welt geschaffen hat. „Sie wollen, dass jemand für sie spricht, denn sie finden kein Gehör.“

Die vier größten protestantischen Kirchen in Papua haben einen gemeinsamen Hirtenbrief verfasst, in dem sie nachdrücklich auf die Menschenrechtsverletzungen aufmerksam machen, das war neu. „Sie haben jetzt gemeinsam eine stärkere Stimme.“

Marion Unger, Mitglied im Rat der VEM: "Beim Besuch im Dorf Kaliki, 120 km von Merauke entfernt, wurden die Folgen von Abholzung des Regenwaldes und Anlage von Monokulturen wie Palmöl-Plantagen und Reisfelder thematisiert. Den Menschen wird von der Regierung der Zugang zum Wald verwehrt, sie dürfen nicht mehr jagen und fischen. Frauen und Kinder sind die ersten Opfer der Umweltzerstörung und Ausbeutung durch multinationale Konzerne. Man sieht Kinder mit dürren Armen und Beinen sowie Hungerbäuchen. Es wurde geklagt darüber, dass den Papua ihr Land unter falschen Versprechungen abgejagt wird, dass sie zu Dumpinglöhnen bei der Abholzung helfen müssen und in den entstehenden Fabriken zu niedrigsten Löhnen arbeiten müssen. Sie erhalten keine Kopien der Verträge und können daher auch keine Rechtsmittel einlegen. Der Bildungsstand ist katastrophal, es gibt kaum Lehrer und nach sechs Jahren Grundschule können manche nicht lesen und schreiben.

Während des gesamten Besuchs wurde die Delegation engmaschig überwacht, von Sicherheitsleuten ständig fotografiert und gefilmt, wenn man sich nicht gerade in kirchlichen Räumen aufhielt. Es war nicht möglich, sich allein oder zu mehreren außerhalb der Gruppe frei zu bewegen (ein Feeling wie in der Ex-DDR)."

Jochen Motte dankte dem ÖRK dafür, dass die VEM als assoziiertes Mitglied die Möglichkeit erhalten hat, an der Pilgerfahrt teilzunehmen, zumal die beiden Veranstalterinnen, GKI und PGI, Mitglied bzw. langjährige Kooperationspartnerin der VEM-Gemeinschaft sind. "Dies war ein bemerkenswerter Ausdruck der Solidarität mit unseren Mitgliedern und Partnern der internationalen Ökumene, der uns in unserem Zusammensein und unserer Zusammenarbeit inspirieren und stärken wird", so der stellvertretende Generalsekretär der VEM.

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