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29.06.2019

„Versöhnung ist ein langsamer Prozess“ - Kirchentagspodium zu Genozid und Krieg rings um Ruanda

Auf dem Podium saßen (v.l.) Gesine Ames, Koordinatorin Ökumenisches Netz Zentralafrika, Uwe Kekeritz, entwicklungspolitischer Sprecher von Bündnis90/Die Grünen, Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der EKD, David Fechner, APRED-Mitarbeiter, der für die VEM als Friedensfachkraft und Entwicklungshelfer in Ruanda, Burundi und im Ost-Kongo arbeitet, Pastor Jerôme Bizimana, Leiter der Light Group Association aus Ruanda, Jeannette Muteho, vom kirchlichen Netzwerk gegen sexuelle Gewalt im Kongo und Moderator Dr. Jochen Motte, VEM-Vorstand.

Dr. Heinrich Bedford-Strohm und David Fechner; Fotos: Bettina von Clausewitz

Vier Millionen Vertriebene und sechs Millionen Tote seit Beginn eines nicht enden wollenden Krieges im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRC)1994. Das ist die Bilanz des Konflikts in nackten Zahlen, der eine ganze Region – darunter auch Burundi – rings um die Großen Seen in Zentralafrika destabilisiert oder zerstört hat. All das nur wenige Jahre nach dem Genozid im benachbarten Ruanda und dem Zuzug vieler Flüchtlinge von dort in eben diese Nachbarländer. Es ist eine Entwicklung, die verbunden ist mit unermesslichem Leid für die Zivilbevölkerung im Kongo und der rücksichtslosen Ausbeutung seiner seltenen Bodenschätze wie Coltan, das in jedem Handy zu finden ist.

„Das ist eine große menschliche Tragödie, aber sie hat in Deutschland keine politische Lobby“, sagt VEM-Menschenrechtsreferent Jochen Motte. Deshalb hat er beim Evangelischen Kirchentag in Dortmund am 21. Juni ein englischsprachiges Podium organisiert, auf dem engagierte Kirchenmitglieder aus den afrikanischen Mitgliedskirchen der VEM und Unterstützer aus Deutschland gemeinsam über Friedenschancen sprachen: „After Genocide and War. Promoting Peace in the African Great Lakes Region.“ Für ihn sei es ein „Highlight des Kirchentages“ gewesen, dabei zu sein, sagte der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm sichtlich bewegt. Aufgabe der Kirche sei es auch, den Geschwistern aus anderen Teilen der Welt zuzuhören und ihre Erzählungen als Botschafter „weiterzutragen an die Orte der Macht“ wie etwa in Berlin.

Kirche in Ruanda hat damals ihre Mission verfehlt

Eindrücklich waren vor allem die Praxisberichte von Podiumsteilnehmenden aus der Region der Großen Seen. Etwa von Jeannette Muteho aus der Baptistischen Kirche, die für das Kirchliche Netzwerk gegen sexuelle Gewalt (CEPIMA) in Butembo (DRC) arbeitet. Es hilft schwer traumatisierten und körperlich verletzten Frauen zurück ins Leben, die vor allem in ländlichen Regionen Opfer sexueller Kriegsgewalt wie Massenvergewaltigungen und Folter werden und ungewollt Kinder zur Welt bringen. „Sie sind nicht nur Opfer des Krieges, sondern werden dann auch noch von der Familie und der Dorfgemeinschaft verstoßen, deshalb helfen wir ganzheitlich“, berichtet Muteho. Dazu gehört neben Rechtsberatung vor allem eine berufliche Ausbildung etwa im Gemüseanbau, Frisörhandwerk oder als Schneiderin, so dass sie neues Selbstbewusstsein gewinnen und sich selbst versorgen können.

Diese Arbeit wird in einem kurzen Film zu Beginn der Veranstaltung ebenso dargestellt, wie die mehrerer anderer Initiativen. Darunter die 2009 gegründete Light Group Association aus Ruanda, deren Leiter, der presbyterianische Pastor Jerôme Bizimana, eindrücklich berichtete. In mühevollen und schmerzhaften Annäherungsprozessen bringt Light Group (Gruppe des Lichts) Täter und Opfer des Völkermordes zusammen, der 1994 rund eine Million Menschenleben kostete. „Das sind Gruppen der Heilung, aber Versöhnung ist ein langsamer Prozess“, sagt Bizimana und ergänzt selbstkritisch: „Die Kirche hat damals ihre Mission verfehlt, aber jetzt lernen wir aus der Vergangenheit und engagieren uns für Gerechtigkeit und Liebe. Jeder hat das Recht zu leben.“

Politik sollte Kirchen mehr unterstützen

Länderübergreifend dagegen das 2008 gegründete Netzwerk APRED von rund acht protestantischen Kirchen aus Ruanda, Burundi und dem Kongo, das Menschen aus allen drei Ländern für jeweils eine gute Woche zusammenbringt. Die größte Herausforderung sei, sie zur Teilnahme zu bewegen, sagt APRED-Mitarbeiter David Fechner, der für die VEM als Friedensfachkraft und Entwicklungshelfer in Ruanda, Burundi und im Ost-Kongo arbeitet. „Manche essen dann erstmal zwei, drei Tage nichts, weil sie Angst haben in der Fremde vergiftet zu werden. Aber dann ändern sie ihre Haltung und öffnen sich“, so Fechner. Er selbst sei schon als junger Freiwilliger mit der UNESCO, also in der Kultur- und Friedensarbeit nach Ruanda gekommen. Heute werde seine Rolle als Vermittler geschätzt, weil er als Deutscher unabhängig von den üblichen Vorurteilen der Menschen in der Region sei.

Auf politischer Ebene forderte der Bundestagsabgeordnete Uwe Kekeritz, entwicklungspolitischer Sprecher von Bündnis90/Die Grünen, das UN-Friedensmandat MONUSCO im Kongo endlich neu aufzustellen: „Wir können das so nicht länger hinnehmen“, betonte Kekeritz, es koste viel Geld und sei seit zwei Jahrzehnten erfolglos. Mit Blick auf das Friedensengagement solle die Politik zudem die Kirchen mehr unterstützen. „Sie können vieles besser als wir“, so Kekeritz.

Koordinatorin Gesine Ames vom Ökumenischen Netz Zentralafrika (ÖNZ) in Berlin, zu dem auch die VEM gehört, wies darauf hin, dass Deutschland ebenfalls Anteil an den langjährigen Konflikten habe. „Die europäische Politik insgesamt muss mehr Verantwortung zeigen und verbindliche gesetzliche Regelungen schaffen, nicht nur freiwillige“, so ihre Forderung. Deutsche Förderbetriebe seien zwar nicht direkt vor Ort, aber die deutsche Industrie sei einer der wichtigsten Abnehmer von Rohstoffen aus dem Kongo, etwa für die Elektromobilität.

Bettina von Clausewitz

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