Seit gut drei Monaten lebt und arbeitet der 22-jährige Ruander Gaston Uwayezu in Wuppertal, wo er derzeit als Freiwilliger das Facility Management im Wuppertaler Missionshaus der VEM kennenlernt und unterstützt. Er ist einer von insgesamt 12 Süd-Nord-Freiwilligen, die die VEM aus ihren Mitgliedskirchen in Afrika und Asien eingeladen hat, um von April 2018 bis März 2019 einen Freiwilligendienst in der Region Deutschland zu absolvieren. In einem Gespräch mit Martina Pauly schildern Gaston und Lisa Bergmann, die als Referentin das Süd-Nord-Freiwilligenprogramm bei der VEM koordiniert, ihre jeweiligen Erfahrungen mit dem Austauschprogramm.
Gaston, wie hast Du von dem Austauschprogramm in Ruanda erfahren?
Gaston: Ich engagiere mich in meiner Kirche, der Shyogwe-Diözese der Anglikanischen Kirche in Ruanda (EAR) als Leiter der Jugendarbeit. Ich wurde für das Austauschprogramm empfohlen, da ich mich in meiner Diözese im Freiwilligendienst engagiere. In Ruanda bin ich im Bauhandwerk tätig und habe Häuser für alte und arme Menschen gebaut - das war sozusagen eine Art Sozialarbeit in Form von handwerklichen Projekten.
Bist Du zum ersten Mal in Deutschland oder in Europa?
Gaston: Ja ich bin zum ersten Mal in Europa. Und ich bin zum ersten Mal in einem Flugzeug geflogen! Das war anfangs nicht leicht für mich, ich hatte schon ein mulmiges Gefühl beim Fliegen.
Welche Erwartungen hattest Du zuvor an Deinen Deutschland-Aufenthalt?
Gaston: Ich bin gekommen, um die deutsche Kultur, die Sprache und die Leute hier in Deutschland kennen zu lernen und überhaupt zu sehen, wie man in Deutschland lebt.
Was hat Dich in Deutschland bislang überrascht?
Gaston: Deutschland ist ein sehr weit entwickeltes Land. Anders als in Afrika sieht man hier keine Menschen, die auf der Straße leben müssen, weil sie gar kein Geld haben. Hier hat jeder Mensch zumindest etwas Geld und keiner muss wirklich auf der Straße leben.
Lisa, wie werden die Süd-Nord-Freiwilligen auf ihren Aufenthalt in Deutschland vorbereitet?
Lisa: Zunächst einmal bin ich stets in engem Kontakt mit den Süd-Nord-Freiwilligen. Außerdem werden in den jeweiligen Heimatländern Deutschkurse und auch Kurse zur kulturellen Vorbereitung belegt. Aber das hängt vor allem von der Region ab, aus der die Freiwilligen kommen. Die künftigen Süd-Nord-Freiwilligen aus Tansania, DR Kongo, Ruanda gehen zum Sprachkurs und für den kulturellen Vorbereitungskurs nach Tansania.
Wie viele Tage dauerten Deine Kurse, Gaston?
Gaston: Meine Deutsch- und Vorbereitungskurse dauerten 4 Wochen.
Wie sind Deine bisherigen positiven Erfahrungen in Deutschland?
Gaston: Die Arbeitsmoral und das Zeit-Management in Deutschland beeindrucken mich.
Welche Herausforderungen hast Du bisher in Deutschland erlebt?
Gaston: Die deutsche Sprache ist schwierig. Viele helfen mir zwar dabei, aber es ist trotzdem schwierig, die deutsche Sprache zu erlernen.
Wie sieht Deine Arbeit hier im Missionshaus aus?
Gaston: Die erste Woche bestand zunächst aus Büroarbeit und das langweilte mich. Als ich dann die Möglichkeit bekam, Andreas (Anmerk. d. Redaktion: Andreas Janelt ist Hausmeister im Missionshaus) zu begleiten und zu unterstützen, wurde die Arbeit sehr interessant. Seitdem bin ich ständig beschäftigt und habe auch keine Zeit mehr für Heimweh. Außerdem spricht Andreas kein Englisch, somit bin ich gefordert, Deutsch zu sprechen und kann so meine Deutschkenntnisse verbessern. Ich arbeite viel mit Andreas zusammen, der mir zeigt, wie alles funktioniert. Aber man traut mir auch zu, handwerkliche Aufgaben wie das Anstreichen von Büroräumen allein zu erledigen.
Erzähle uns etwas über Deine Familie.
Gaston: Meine Familie lebt in Ruanda. Mein Vater ist Fahrer von Beruf und meine Mutter ist Krankenschwester. Ich habe noch zwei Brüder und eine Schwester, die alle jünger sind als ich.
Lisa: Gaston erzählte mir, dass er es als Ältester gewohnt ist, zu Hause zu helfen und er kann übrigens hervorragend kochen. (Beide lachen.)
Wie sieht die weitere Begleitung der Süd-Nord-Freiwilligen hier in Deutschland aus?
Lisa: Im Verlauf des Jahres gibt es eine Vielzahl an Seminaren für die Freiwilligen, insgesamt sind es 25 Seminartage, von denen ich 15 Seminartage leite. Dazwischen gibt es auch andere Seminare beispielsweise über globales Lernen, politisches Lernen und die Teilnahme am Netzwerk Junge Erwachsene. Darüber hinaus verbleiben wir in Kontakt und reflektieren kontinuierlich darüber, was so passiert ist.
Hast du Kontakt mit anderen Süd-Nord-Freiwilligen?
Gaston: Ja, wie haben eine WhatsApp–Gruppe und tauschen uns über Probleme aus, die andere in Deutschland haben und welche Lösungen in Frage kommen.
Wie sehen Deine Pläne für die Zukunft aus?
Gaston: Ich habe die weiterführende Schule in Ruanda abgeschlossen und finde die Ausbildung als Facility Manager in Deutschland sehr interessant. Wenn ich die Chance bekäme, eine derartige Ausbildung zu erhalten, würde ich gerne weiter in diese Richtung gehen.
Was wollt Ihr zum Abschluss noch unbedingt sagen?
Gaston: Zunächst einmal danke ich der VEM für dieses Austauschprogramm. Für uns Afrikaner ist es sehr interessant zu sehen, wie man in Deutschland lebt. Ich frage mich beispielsweise immer, warum wir in Ruanda nicht diese hohen Häuser bauen können? Auch das Transportwesen in Deutschland ist gut ausgebaut. Außerdem können wir Jugendlichen durch das Programm neue Freunde gewinnen und uns untereinander austauschen. Ich möchte der VEM nochmals für diese Gelegenheit danken.
Lisa: Ich bin sehr, sehr glücklich darüber, dass wir zum ersten Mal einen Süd-Nord-Freiwilligen hier im Missionshaus der VEM haben. Das ist ja sozusagen ein Experiment und ich freue mich, dass sich Gaston in dieser Einsatzstelle so wohl fühlt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Ausführlichere Informationen zum Süd-Nord-Freiwilligenprogramm der VEM sind hier abrufbar.