Während die christlichen Kirchen in Deutschland Jahr für Jahr über Mitgliederverluste berichten, geht die Kirchenentwicklung in Regionen des Globalen Südens in die entgegengesetzte Richtung. Dass mit dem Kirchen-Boom in Afrika beispielsweise zugleich strukturelle, theologische und ethische Herausforderungen verbunden sind, bekommen auch die afrikanischen Mitgliedskirchen der VEM zu spüren. Deshalb trafen sich vom 28. April bis 1. Mai 2026 einundzwanzig Theolog*innen, Kirchenleitende sowie Wissenschaftler*innen im Isano Centre in Kigali, Ruanda, zu einem Workshop unter dem Motto „Kritische Analyse von Kirche und Christentum in Afrika". Organisiert wurde das Treffen vom VEM-Regionalbüro in Daressalam unter der Leitung von Pfarrer Dr. Ernest Kadiva und von Pfarrer Dr. Emmanuel Muhozi, Leiter der Division Afrika. Rev. Dr. Pascal Bataringaya Kirchenpräsident der gastgebenden Presbyterianischen Kirche Ruandas eröffnete die Veranstaltung, während VEM-Moderator Bischof Dr. Abednego Keshomshahara aus Tansania die Teilnehmenden begrüßte und die Bedeutung des Treffens für die afrikanischen Kirchen hervorhob. Ziel war es, das Kirchenwachstum in Afrika kritisch zu analysieren und den VEM-Mitgliedskirchen sowie den afrikanischen Kirchen insgesamt Erkenntnisse für ein nachhaltiges, transformatives Wachstum zu vermitteln.
Der Workshop stand deshalb unter dem Leitgedanken, dass sich authentisches Wachstum nicht allein an Zahlen misst, sondern daran, ob die Kirche die Mission Gottes durch Nachfolge, Gerechtigkeit und ganzheitlichen Dienst verkörpert. Als biblische Orientierung diente Apostelgeschichte 2,42–47, die das Idealbild der Jerusalemer Urgemeinde beschreibt. Behandelt wurden vielfältige Themen – von der Lage des Christentums in Afrika über die Authentizität des Glaubensausdrucks und Faktoren des Kirchenwachstums bis hin zu theologischer Ausbildung und den Herausforderungen durch Irrlehren.
Wachstum ja – aber mit Tiefgang
Die Teilnehmenden waren sich einig, dass geistliche Reife, ethische Integrität und spürbare gesellschaftliche Veränderung hinzukommen. Die Beratungen offenbarten vier zentrale Herausforderungen für die Kirchenentwicklung in Afrika: die Lücke zwischen Kirchenwachstum und gelebter Nachfolge, die Verbreitung irreführender Lehren, unzureichende theologische Bildung sowie mangelnde Verantwortlichkeit in der Kirchenleitung.
Aus diesen Erkenntnissen gingen konkrete Empfehlungen hervor. Die Teilnehmenden sprachen sich unter anderem dafür aus, bewusste Nachfolge vor bloßem Zahlenwachstum zu stellen und die theologische Ausbildung stärker an der Praxis auszurichten – einschließlich gezielter Schulungen in der Kinder-, Jugend- und Gemeindearbeit sowie in sozialen Medien und Künstlicher Intelligenz. Dringend hervorgehoben wurden außerdem die Stärkung ethischer Leitung und Rechenschaftspflicht sowie die Förderung biblischer Unterscheidungsfähigkeit gegen Irrlehren. Darüber hinaus sollen afrikanische Ausdrucksformen des Glaubens gestärkt und die lokale Eigenverantwortung der Gemeinden ausgebaut werden. Empfohlen wird zudem, kirchliche Dokumente systematisch zu archivieren und Statistiken zu führen – als Grundlage für Forschung und künftige Wachstumsplanung.
Rekonstruktionstheologie als Leitrahmen
Als theologischer Orientierungsrahmen für die anstehenden Reformen wurde das Konzept der Rekonstruktionstheologie hervorgehoben – mit Fokus auf Lehrplanreform, Gemeindeaufbau und gesellschaftliche Transformation. Die Teilnehmenden bekräftigten: Nachhaltige Kirchenentwicklung braucht geistliche Tiefe, ethische Integrität und eine glaubwürdige Auseinandersetzung mit den Realitäten afrikanischer Gesellschaften.
Möge der Herr die gemeinsame Mission stärken und leiten.