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17.03.2020

"Coronavirus wäre für Tansania eine Riesenkatastrophe!"

Diakonin Regine Buschmann beim Gottesdienst in der Kimara-Gemeinde in Dar-es-Salaam, Tansania. (Foto: Reinhard Elbracht)

Tansania ist derzeit offensichtlich noch frei vom Coronavirus. Es gibt in Afrika aber berits die ersten Coronafälle, heute wurde z.B. die erste Erkrankung in Kenia bekannt. Meist wird der Virus von ausländischen Besuchern eingeschleppt. Was würde die Verbreitung des Coronoavirus in Tansania bedeuten? Regine Buschmann: Es wäre eine Riesenkatastrophe! Tansania ist darauf mit seinem Gesundheitssystem überhaupt nicht vorbereitet, und das Immunsystem der meisten Tansanier ist bereits durch Krankheiten wie Malaria oder AIDS geschwächt. Zudem verfügt das Land nicht über eine gesunde Ernährungslage. Die Menschen sind dort viel anfälliger für Erkankungen als wir. Es kommt hinzu, dass es weder flächendeckende Testmöglichkeiten gibt noch ausreichende Möglichkeiten zur Isolierung oder zur Intensivpflege. Mir wird ehrlich gesagt ganz schlecht, wenn sich die Situation in China jetzt noch einmal in Afrika wiederholen sollte.

Immerhin hat China recht schnell rigide Maßnahmen getroffen und ganze Regionen abgeriegelt. Ja, China hat ein sehr totalitäres Regime. Der tansanische Staatspräsident John Magufuli, der auch totalitär regiert, wäre vermutlich in der Lage, Regionen kommunikativ abzuriegeln, aber es ist sehr fraglich, ob er dies dann auch praktisch durchsetzen könnte und ob sich vor allem die Tansanier daran halten würden. Insofern wäre die Situation in Tansania schon schwieriger als in China.

Und es gibt ja auch gar nicht die Möglichkeiten zur Quarantäne. Das stimmt. So etwas wäre in der tansansichen Kultur überhaupt nicht denkbar. Das fängt schon in den Krankenhäusern an, wo es bekanntlich keine Versorgung der Patienten mit Essen gibt und wo die Familien auf das Krankenhausgelände kommen, um ihren Angehörigen Nahrung zu bringen. Und eine private häusliche Quarantäne ist angesichts des Wohnens von Großfamilen in Gemeinschaftsräumen auch nur sehr bedingt möglich.

Keine Reisen nach Tansania

Sind angesichts dieser Situation Reisen von Tansania-Freunden nach Tansania, beispielsweise in Zusammenhang mit der Durchführung von Partnerschaftsprojekten, zu vertreten? Nein! Bei geschätzen 99% aller Partnerschaftprojekten geht es in der Durchführung nicht unmittelbar um die Frage von Leben und Tod. Diese Projekte kann man also verschieben. Bei einer Reise nach Tansania geht es nicht primär um die eigene Gefährdung, sondern um die Gefährdung der tansanischen Kontakpersonen und ihren Angehörigen. Der deutsche Reisende kann doch ohne eigenes Wissen bereits infiziert sein oder bemerkt nur einen milden Verlauf der Krankheit. Die Gefahr einer Ansteckung ist riesig - das können weder der Reisende noch die Organisation, die er vertritt, verantworten.

Was wären aus Ihrer Sicht Ausnahmen? Ausnahmen kann es nur im medizinischen Bereich geben: Zum Beispiel der Aufbau einer Intensivstation oder die Begleitung eines Transports intensivmedizinischer Geräte mit anschließendem Schulungsprogramm für das zuständige Krankenhauspersonal. Ich selbst habe übrigens zwei Reisen abgesagt.

Wie verhält sich die VEM zu dieser Frage? Die VEM hat hierzu eine klare Haltung: Sie hat am vergangenen Dienstag beschlossen, alle Dienstreisen von und nach Afrika einzustellen. Eine Ausnahmegenehmigung müsste schon wirklich zwingend notwendig sein. Wir werden auch unsere internationale Ratssitzung Anfang April erstmals als Videokonferenz durchführen. Positiver Nebeneffekt: Die VEM entwickelt sich im Bereich der neuen Medien weiter und das Ganze ist dann auch noch deutlich ökologischer.

Gibt es eine Absprache mit anderen Missionsgesellschaften? Das ist mir nicht bekannt. Aber alle Mitglieder der VEM in Deutschland haben unserer Linie zugestimmt und eigene rigide Regeln erlassen: Sechs deutsche evangelische Landeskirchen und Bethel. Bethel hat übrigens vorübergehend sämtliche Dienstreisen seiner Mitarbeiter untersagt, alle Veranstaltungen abgesagt und die Betreuung von Gästen eingestellt.

Was empfehlen Sie deutschen Touristen, die derzeit einen Besuch in Tansania planen oder bereits gebucht haben? Absagen und zu Hause bleiben! Niemand weiß, was er sich vorher hier in Deutschland eingefangen hat. Ein Reisender sollte sich vor Augen halten, dass Menschen in Entwicklungsländern ganz anders als wir auf die Viren reagieren: schnell und sehr heftig!

Sechs Nachbarländer Tansanias haben inszwischen eine 14-tägigge Quarantäne für deutsche Besucher beschlossen. Fänden Sie eine solche mögliche Maßnahme auch durch die tansanische Regierung verständlich? Das würde ich auf alle Fälle verstehen! Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Ist Ihnen bekannt, ob das Robert-Koch-Institut oder andere medizinische Einrichtungen Tansania helfen werden, die mögliche Krise zu bewältigen? Es wären wohl eher die WHO oder die UN gefragt, die vor Ort in Tansania vertreten sind. Die Frage ist, wie Tansania das Problem bewältigen kann: Was ist auf dem Weltmarkt überhaupt noch zu kriegen? Wir bekamen zum Beispiel eine Anfrage unserer Partnerkirche aus Honkong, ob wir ihnen Gesichtsmasken schicken können. Dabei werden die Masken doch nebenan in China hergestellt. Das ist nachvollziehbar, jedem Land ist das Hemd näher als die Jacke.

Sie haben viele persönliche Kontakte in Tansania und stehen in Bethel im Krisenmodus. In welcher Stimmung befinden Sie sich gegenwärtig? Ja - persönlich habe ich jedenfalls keine Angst. Ich verhalte mich aber vorsichtig und kann die Maßnahmen in Bethel sehr gut verstehen, wonach zum Beispiel Besucher nicht mehr in den Pflegebereich gelassen werden. Aus Tansania habe ich bislang noch nicht viel gehört.

Gibt es bei der VEM einen Notfallplan zur Unterstützung der tansanischen Partnerkirche? Natürlich würden wir die ELCT unterstützen. Zumal sie im Krankenhausbereich viel unterwegs ist. Aber Geld alleine hilft in diesem Fall nicht. Wie ich bereits sagte: Das notwendige Material steht auf dem Weltmakrt nicht zur Verfügung und Ärzte werden dringend auch in Deutschland gebraucht. Wir denken in Bethel darüber nach, ob Verwaltungsmitarbeiter für erkrankte oder ausgefallende Pflegekräfte einspringen müssen.

Regine Buschmann, vielen Dank für das Interview!

Das Gespräch führte Rudolf Blauth telefonisch am 13.3.2020, es wurde veröffentlicht von Tansania News, Ausgabe 2/2020. Zur Person: Regine Buschmann ist Diakonin und Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Für Bethel ist sie auch Beauftragte für Mission und Ökumene. Regine Buschmann hat langjährige Beziehungen zur VEM. Von 2008 bis 2016 war sie Moderatorin der Vereinten Evangelischen Mission. Bis heute gehört sie dem Geschäftsführenden Ausschuss der Region Deutschland der VEM an.

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