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28.06.2021

Ein epochaler Perspektivwechsel

Der Perspektivwechsel im Freiwilligenprogramm der VEM. (Foto: Jule Schaller/VEM)

25 Jahre »Vereinte Evangelische Mission« – das klingt vielleicht erst mal nicht so spannend, zumal die Ursprünge der VEM bis in das Jahr 1799 mit der Gründung der Elberfelder Missionsgesellschaft zurückgehen. 1828 entstand die Rheinische Missionsgesellschaft. Warum also dann nicht noch sieben Jahre warten und ein zweihundertjähriges Jubiläum feiern? In der Geschichte der VEM kam es nach 1799 immer wieder zu neuen Zusammenschlüssen, so u. a. 1971 zwischen der Rheinischen und der Bethel Mission. Aber alle diese Zusammenschlüsse fanden innerhalb Deutschlands zwischen unterschiedlichen Missionsgesellschaften statt.

Aus Partner wurden gleichberechtigte Mitgliedskirchen

1996 kann insofern als epochales Ereignis in der Geschichte der Mission angesehen werden, als hier nach knapp 200 Jahren erstmals eine Missionsgesellschaft in Deutschland sich eine grundsätzlich neue internationale Form gab, durch die die ehemaligen Partnerkirchen in Afrika und Asien gleichberechtigte Mitglieder in einer bis dahin deutschen Organisation wurden.

Heute erleben wir, wie nicht nur in Deutschland die Folgen von Kolonialismus angesichts von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und »weißer Überheblichkeit« diskutiert werden. Diese Fragen wurden schon seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Kontext der damaligen Vereinigten Evangelischen Mission durch deren Partner in Afrika und Asien immer drängender gestellt.

Unter dem Titel »Auf dem Weg zur mündigen Partnerschaft« erkundeten Vertreter*innen von Kirchen aus Deutschland und Indonesien schon seit 1973 Möglichkeiten, die Zusammenarbeit von Kirchen in Asien und Deutschland so zu gestalten, dass alte Abhängigkeitsverhältnisse, Paternalismus, Bevormundung, Überheblichkeit der Gebenden gegenüber den Empfangenden – den angeblich »Unmündigen«, wie der Titel der Tagung ja zum Ausdruck bringt – überwunden werden.

1988 wurde ein Ausschuss gebildet, dem zu je einem Drittel Menschen aus Deutschland, Asien und Afrika angehörten, mit dem Auftrag, einen Vorschlag zu erarbeiten, wie »mündige Partnerschaft« nicht nur in Worten und Visionen, sondern auch in konkreten Strukturen abgebildet werden kann. »United in Mission« – dieser Slogan bezeichnet bis heute das, worum es geht: Alle in der VEM-Gemeinschaft sind Empfangende und Gebende zugleich. Alle reden und entscheiden gleichberechtigt, wenn es darum geht, Zeichen der Liebe Gottes in dieser Welt sichtbar zu machen und Menschen »ein Leben in Fülle« zu ermöglichen. Alle sind sich bewusst, dass sie als Glieder des Leibes Christi aufeinander angewiesen sind und Gott jeden und jede gleichermaßen mit seiner Liebe beschenkt.

Als die Mitglieder der VEM 1996 die neue Form gleichberechtigter Zusammenarbeit beschlossen, waren sie sich durchaus bewusst, dass mit der neuen Struktur ein langer Prozess des Zusammenwachsens und Zusammenlebens begonnen hatte, der bis heute andauert. »In einer zerrissenen Welt«, wie es in der Satzung von 1996 heißt, können auch Strukturen, die gleichberechtigte Teilhabe gewährleisten, keine absolute Gerechtigkeit garantieren. Manche mögen sich heute auch nicht mehr vorstellen, wie umstritten das Vorhaben war, das 1993 auf einer Vollversammlung in Ramatea / Botswana beschlossen und 1996 in Bethel / Bielefeld mit der sogenannten »Internationalisierung« rechtsverbindlich auf den Weg gebracht wurde. So wollten einige verhindern, dass im neuen Rat Vertreter*innen aus Afrika und Asien eine Mehrheit der Stimmen haben. Sie konnten sich aber nicht durchsetzen. In der VEM-Vollversammlung und dem Rat sind Delegierte zu je einem Drittel aus Afrika, Asien und Deutschland vertreten. Beobachter*innen aus anderen deutschen Missionswerken (die bis heute als deutsche Organisationen fortbestehen) prophezeiten der neuen VEM ein Scheitern nach wenigen Jahren. Deutsche Mitarbeitende der VEM in Afrika sahen es als unmöglich an, dass ein afrikanischer Afrikareferent in Wuppertal in der Lage sei, als Dienstvorgesetzter ihre Anliegen zu verstehen und zu vertreten.

Mission als ganzheitlicher Auftrag

Neben den Strukturen war aber noch ein Zweites entscheidend für die Gründung der neuen internationalen VEM 1996. So wurde über viele Jahre darum gerungen, was denn Ziel und Inhalt der gemeinsamen Arbeit in der Mission sei. Auch wenn die Satzung von 1996 darauf eine Antwort gibt, ist dies dennoch keine abgeschlossene Frage und wird bis heute immer wieder neu diskutiert angesichts gegenwärtiger Herausforderungen in der VEM-Gemeinschaft. Kennzeichnend und bis heute bedeutend ist das Wort »ganzheitlich«, das die Arbeits- und Programmschwerpunkte der VEM beschreibt. Im Jahr 2008 haben die Mitglieder der VEM auf einer Vollversammlung fünf Bereiche genannt, in denen die VEM sich engagiert: 1. Advocacy (Anwaltschaft für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung), 2. Diakonie, 3. Entwicklung, 4. Evangelisation, 5. Partnerschaft.

In welcher Weise die 32 (derzeit 38) VEM-Kirchen und die v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel in diesen Bereichen in den 25 Jahren bis heute zu einer lebendigen und solidarischen Missionsgemeinschaft zusammengewachsen sind, wird in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins "VEM-Journal" entfaltet. »United in Mission« – das ist ein andauernder Prozess des Lernens und Teilens, des Glaubens und Füreinander-Eintretens, des Mitmachens und Förderns, des Vertrauens und gemeinsamen Handelns.

Zwar wurde »United in Mission« 1996 nicht zum Namen der neuen VEM, obwohl dies ernsthaft diskutiert wurde. Man blieb bei »Vereinte Evangelische Mission« und tilgte nur die Buchstaben »ig« aus »Vereinigte«, um die Kontinuität zu betonen. Dennoch wurde ein wesentlicher Namensbestandteil angefügt, der das Selbstverständnis der neuen VEM und ihrer Mitglieder bis heute kennzeichnet: »Gemeinschaft von Kirchen in drei Erdteilen«. Das Wort Gemeinschaft – Communion im Englischen – wurde zwar 2008 noch von einigen Deutschen in Frage gestellt, da formal niemals eine Kirchengemeinschaft zwischen den Mitgliedskirchen der VEM – Baptisten, Reformierten, Anglikanern, Lutheranern, Presbyterianern, Unierten, Methodisten, Jüngern Christi – verhandelt und beschlossen wurde. Gerade aus Sicht der afrikanischen und asiatischen Kirchen war aber durch die 1996 beschlossene gemeinsam verantwortete Zusammenarbeit, die darauf folgenden Programme wie den Austausch von Pfarrer*innen, gemeinsame Gottesdienste und Abendmahlsfeiern die Kirchengemeinschaft begründet und durch die Praxis gegeben. »Gelebte Kirchengemeinschaft« ist damit auch eine Folge des Perspektivwechsels von 1996. Ein Perspektivwechsel, der auch innerhalb Deutschlands angesichts vieler Gemeinden fremder Sprache und Herkunft für die deutschen Landeskirchen immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Kirchen aus Afrika und Asien treten heute selbstbewusst auf

Heute ist die VEM-Gemeinschaft eine ganz andere als vor 25 Jahren. Die Kirchen in Afrika und Asien, die bis dahin als Partner*innen der VEM oft untereinander wenig Kontakte hatten, haben über Regionalversammlungen, VEM-Büros in allen Regionen, Personalaustausch- und Fortbildungsprogramme und vieles mehr ein eigenes VEM-Selbstbewusstsein entwickelt. Die Mitglieder der VEM nehmen durch Fürbitte, finanzielle Hilfe und gemeinsame Aktionen Solidarität wahr mit denen in der Gemeinschaft, die von Krieg, Unterdrückung, Naturkatastrophen, Umweltzerstörung und Klimawandel besonders betroffen sind.

Dabei fanden die Mitglieder besondere Beachtung und Unterstützung, die von Völkermord und seinen Folgen, von fortdauerndem Krieg und von Gewalt und Rassismus, von Einschränkung der Religionsfreiheit oder politischer Gewalt betroffen waren. Ebenso hat die VEM-Gemeinschaft in dieser Zeit Kirchen an Orten zur Seite gestanden, die von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Überschwemmungen, wie 2004 bei der Tsunami-Katastrophe, betroffen waren. Auch in der andauernden weltweiten Covid-19-Pandemie (wie zuvor schon bei Ebola und HIV und Aids), deren Folgen besonders die arme Bevölkerungsschicht trifft, hat sich die Solidarität in der VEM-Gemeinschaft aufs Neue bewährt.

Die Deutschen in der VEM haben 1996 Macht abgegeben. Dadurch haben sie Raum für neue Begegnung und Austausch unter den Kirchen in Afrika und Asien geschaffen. Aber auch in Deutschland haben Mitglieder von der neuen VEM viele neue Anstöße für ihre Arbeit u. a. durch zahlreiche Mitarbeitende und Freiwillige aus Afrika und Asien empfangen, durch ökumenische internationale Vernetzung zu Fragen von Mission und Ökumene, und durch die Zusammenarbeit in diakonischer Ausbildung und Bildungsprogrammen.

Menschen aus Afrika und Asien sind in Wuppertal seit 1996 in Leitungspositionen (seit 2008 im Management Team – dem Vorstand) beschäftigt. Auch diese Interkulturalität macht einen Unterschied in der VEM und für ihre Mitglieder. Während die deutschen großen evangelischen und katholischen Hilfswerke weiter im Wesentlichen als deutsche Werke im herkömmlichen Geber-Nehmer-Schema arbeiten, hat die VEM einen 25-jährigen Lern- und Erfahrungsprozess hinter sich in interkultureller gleichberechtigter Zusammenarbeit in ihren Entscheidungsstrukturen und Programmen. Diese geschieht auf der Grundlage der gemeinsamen Finanzierung des VEM-Haushaltes, zu dem alle Mitglieder finanzielle Beiträge leisten.Maßgeblich für den Erfolg des 25-jährigen Lernprozesses in der neuen VEM war auch, dass die Beteiligung von Frauen und jungen Erwachsenen in Programmen und in den Gremien von Anfang an eingefordert und abgebildet wurde. Jugendkonsultationen, das Netzwerk Junge Erwachsene und die Freiwilligenarbeit in allen drei Kontinenten, aber auch das Stipendienprogramm der VEM sind unabdingbar für die Zukunft der VEM-Gemeinschaft.

Was können deutsche Kirchen von ihren Schwestern und Brüdern in Afrika und Asien lernen?

»United in Mission« – was 1988 begann, dann seit 1996 durch die in Bethel getroffenen Entscheidungen teils radikale Veränderungs- und Lernprozesse mit sich brachte, hat in den 25 Jahren sichtbar Gestalt gewonnen. Während die Mitglieder der VEM in Afrika und Asien ein eigenes VEM-Selbstbewusstsein entwickelt haben, bleibt die Frage an die deutschen Kirchen in der VEM, ob sie angesichts fortschreitender Schrumpfung und damit einhergehender Struktur- und Spardiskussionen bei immer noch beträchtlichen Einnahmen und Ressourcen nicht stärker als bisher Erfahrungen der Kirchen in Afrika und Asien für sich selbst nutzen können. Dabei könnten Anstöße und Impulse von Kirchen aufgegriffen werden, die oft und teils schon immer als christliche Minderheiten unter prekären wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bedingungen existieren.

»United in Mission« – was 1996 auf den Weg gebracht wurde, ist so bis heute eine Chance auch und gerade für die deutschen Kirchen, für Christ*innen in Deutschland – wenn der Perspektivwechsel gelingt.

Dr. Jochen Motte, Mitglied des Vorstands der VEM und Leiter der Abteilung Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.

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